Einen Stromkasten zu demolieren wäre für Jugendliche deutlich einfacher, als diesen mit mehreren Schichten von Sprühfarbe zu überziehen. Um ein Graffiti zu sprayen, das weder verläuft noch wackelige Linien aufweist, braucht es zudem Zeit und eine Menge Übung. Während Graffiti schnell als Sachbeschädigung abgetan wird, stehen hinter der bunten Wandbemalung nicht selten Jahre an Arbeit, künstlerischer Feinschliff sowie ein ganz eigenes Regelwerk. Graffiti sind die vielleicht aufwendigste Form der Sachbeschädigung, die es gibt und nicht selten verbirgt sich hinter ihnen der Wunsch der Jugend nach Anerkennung und Community. Daher plädiert dieser Artikel dafür, Graffiti nicht als reinen Vandalismus wahrzunehmen, sondern einen Blick zu werfen auf die Hintergründe, Entstehungsgeschichten und Techniken hinter dem Phänomen Graffiti.

Vokabular und wichtige Begriffe

Wie jede Kunstform, hat Graffiti eine eigene Terminologie, welche Wandlungen unterliegt und regional spezifische Prägungen aufweist. Eine wichtige Unterscheidung zwischen den Graffiti ist nach Tags und Pieces. Während Pieces die großen, oftmals bunten und aufwendigen Graffiti sind, wie man sie an Zügen und Wänden findet, sind Tags in der Regel kleiner und eher als Unterschrift des Sprayers zu verstehen. Beide erfüllen unterschiedliche Zwecke. Während sich die Sprayer bei den Pieces selbst verwirklichen, ihren Stil erproben und komplexe Figuren oder Schriftzüge darstellen, sind Tags eine Möglichkeit, das eigene Revier zu markieren oder seine Präsenz an einem Ort zu demonstrieren. Tags sind in der Regel kleiner, in einer Farbe gehalten und in der Regel mit einer Handbewegung auszuführen. Es kann sich hierbei um den Namen des Sprayers, seine Initialen oder sein selbst gewähltes Logo handeln. Will ein Sprayer mit einem Piece assoziiert werden, kann er seinen Tag hinzufügen oder den Tag opulenter als Piece ausführen.

Ein weiterer wichtiger Begriff ist das Biting, hierbei werden Stil und Form eines Sprayers von einem anderen imitiert. Da Graffiti großen Wert auf Individualität und Selbstverwirklichung legt, ist das direkte Kopieren einer Figur oder eines Stils tabu. In der Sprayer-Community gilt Biting als ein Zeichen mangelnden Respekts vor anderen Sprayern. Ebenfalls kritisch gesehen wird das Crossing, also das teilweise oder komplette Übersprühen eines bestehenden Kunstwerkes, um Platz für das eigene zu haben. Auch dies zu vermeiden ist den Sprayern wichtig, andernfalls wird das Crossing schnell als Herausforderung interpretiert.

Sprayer-Etikette

Neben den eigenen Begriffen gibt es auch Verhaltensweisen, welche die Sprayer in ihren Crews in der Regel streng befolgen. So wie das bereits genannte Crossing, ist das Übersprühen von bereits vorhandenen Tags und Pieces ein Regelbruch, welcher in der Szene stark geächtet ist. Auch im Revier einer anderen Crew zu sprühen gilt als Unding und zeigt, dass es auch im Bereich der illegalen Kunst Richtlinien und Regeln gibt, welchen in der Regel Folge geleistet wird. Auch der Diebstahl von Sprühdosen ist unter Sprayern eher negativ konnotiert, weil die Verkäufer derselben als stille Befürworter der Kunst verstanden werden. Für Außenstehende erscheint dieser Ehrenkodex oftmals widersprüchlich, da am Anfang jedes Graffiti ein Gesetzesbruch vorliegt. Für die eingeschworene Sprayer-Community handelt es sich hierbei hingegen um Gesetze, die man für sich selbst und seine Kunst geschaffen hat und welche, im Gegensatz zum öffentlichen Raum, zumeist unantastbar sind.

Advokaten für die Kunstform

Vor kurzem widmete das Museum für Hamburgische Geschichte dem Graffiti der Stadt sowie dessen Sprayern eine eigene Sonderausstellung, unter dem Titel „Hamburg wird bunt“. Beiträge von mehreren Generationen an Sprayern zeugen von jugendlichen Mutproben, Streit mit den Eltern, ersten Zeichenversuchen im Collegeblock und vom Finden eines eigenen Stils. Auch der Ausstellungskatalog ist wunderbar geraten, von Fotos der seit Jahrzehnten übermalten Graffiti, über Einblicke ins Kinderzimmer, bis hin zu Mahnungen des Hausmeisters zur sachgerechten Entsorgung leerer Sprühflaschen, bietet der Katalog Einblicke in normale Kindheiten mit außergewöhnlichen Hobbies.

Gerade zu als Advokat verstand sich Torkild Hinrichsen. Der ehemalige Leiter des Altonaer Museums in Hamburg stellte schon in den 1990er Jahren den Sprayern Leinwände und Material zur Verfügung und erlaubte es damit den ortsansässigen Sprayern, sich in der Ausstellung „Narrenhände…?“ zu verewigen. Auch in anderen Städten wächst die Akzeptanz für die Kunstwerke seit Jahren, legale Flächen werden zum Besprühen bereitgestellt und Wettbewerbe für die Gestaltung von Gebäuden und Brücken durch Graffiti-Künstler werden ausgeschrieben. Längst stellen sich viele Personen vor die gesprühten Kunstwerke und plädieren für deren Berechtigung im öffentlichen Raum, jedoch droht hierdurch ein Aspekt verloren zu gehen, welcher Graffiti so besonders gemacht hat.

Vergänglichkeit: Das Vanitas-Motiv

Graffiti soll es nämlich nicht für immer geben. Die Kunstwerke sind vergänglich, oft stehen schon am nächsten Tag Reinigungsteams und Maler bereit, um die nächtlichen Kunstaktionen von Brücken, Wänden und Zügen wieder zu entfernen. Diese Vergänglichkeit ist den Sprayern bekannt und wird als Teil des Prozesses anerkannt.

Das Wissen um die Vergänglichkeit ihrer Bemühungen erlaubt auch Einblicke in die Motivation der Sprayer, welche von Beginn an in Kauf nehmen, dass die Tage ihrer Kunstwerke schon vor deren Vollendung gezählt sind. Oft überleben nur die Fotos und Videos der Pieces und zeugen vom Stolz und der harten Arbeit ihrer Erschaffer, welche von keinem Außenstehenden Anerkennung verlangt. Die Kunst um der Kunst willen ist eine ästhetische Haltung, welche sich auch Graffiti-Künstler weltweit zu eigen gemacht haben, ob bewusst oder unbewusst. Nicht immer werden Graffiti jedoch entfernt. In Pompeji lassen sich noch heute Jahrtausende alte Beschriftungen bestaunen und auch in anderen historischen Städten weltweit sind Schriftzüge erhalten geblieben, welche von künstlerischen Ambitionen und wüsten Beschimpfungen zeugen. Glück und Zufall spielen hierbei allerdings eine größere Rolle als das künstlerische Talent ihrer Erschaffer.

Ist Banksy ein Sprayer?

Einer der bekanntesten Sprayer der Welt ist vermutlich gar keiner. Seit Anfang der 2000er tauchen immer wieder Graffiti von Banksy im öffentlichen Raum auf, welche mit Schablonen angefertigt werden und in der Regel eine mehr oder weniger subtil vermittelte politische Botschaft beinhalten. Der Künstler ist schnell verschwunden und der Öffentlichkeit bleibt lediglich die Auseinandersetzung mit dem hinterlassenen Kunstwerk. Der Umgang mit Banksys Graffiti unterscheidet sich hingegen drastisch von jenem eines durchschnittlichen Sprayers. Banksys Graffiti werden akribisch geschont, mit Glasplatten zum Schutz versehen oder am besten gleich aus der Wand herausgelöst und auf Auktionen versteigert.

Wird einmal ein Werk von Banksy „aus Versehen“ für reguläres Graffiti gehalten und entfernt, sind Wut und Empörung schnell groß, was den Gedanken nahelegt, dass es sich um keinen Sprayer im eigentlichen Sinne handelt. Die Vergänglichkeit der Werke ist eigentlich klar in den Entstehungsprozess eingeschrieben, nur im Falle Banksys scheint die Öffentlichkeit anders zu denken. Hinzu kommen der klar politische Hintergrund seiner Werke sowie die im Laufe der Zeit hinzugekommenen Performances und Installationen, mit welchen er sich klar von anderen Sprayern unterscheidet. Banksy ist somit eher der Streetart oder dem politischen Aktivismus zuzuordnen, der Erhalt seiner Werke durch Glasabdeckungen und andere Maßnahmen widerspricht zudem dem temporären Charakter von regulärem Graffiti.

Strafbarkeit und Strafverfolgung in Deutschland

Auch in Deutschland ist Graffiti eine Straftat und Sprayer werden strafrechtlich verfolgt. Ohne Erlaubnis gilt das Sprayen als Sachbeschädigung und neben Geldstrafen ist sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren möglich. Zudem kann ein Schadensersatz für die Reinigung und Wiederherstellung der besprühten Flächen fällig werden. Für Jugendliche fallen die Strafen hingegen deutlich milder aus. Besonders wiederholtes Auffallen ist im Sprayer-Milieu häufig, manche Sprayer, wie der Hamburger „Oz“, wurden sogar über Jahrzehnte immer wieder erwischt und festgenommen.

Kein Aufruf zum Sprayen, eher ein Aufruf zur Neubewertung

Dieser Beitrag versteht sich bewusst nicht als Aufruf, selbst zur Sprühdose zu greifen und öffentliches Eigentum zu verzieren. Viel mehr will er ein Verständnis für eine Kunstform schaffen, welche gern einfach als Vandalismus abgetan wird.

Graffiti und die Praxis des Verzierens des öffentlichen Raumes sind fast so alt wie die Menschheit selbst, schon frühe Zivilisationen kannten Kritzeleien und öffentlich festgehaltene Wortgefechte und Fehden. Und auch die Höhlenmalerei, eines der frühesten Zeugnisse künstlerischen Handelns, ist in erster Linie nur Farbe an einer Wand, um eine Botschaft an die Betrachtenden zu übermitteln. So gesehen hat sich in den letzten Jahrtausenden nur sehr wenig getan. Im Rahmen von Workshops können Interessierte die Grundlagen des Sprayens erlernen, aber so weit muss es gar nicht kommen. Es reicht auch, den bekannten Anblick von Graffiti um das Wissen um ihre Herkunft und Hintergründe zu erweitern, oder einfach nur festzustellen, ob es sich um ein simples Tag oder ein aufwendiges Piece handelt.

Fazit

Graffiti als Kunstform der jungen Generation zu verstehen sorgt für einen anderen Blick auf die bunten Verzierungen im städtischen (und seltener im ländlichen) Raum. Ob es sich um ein Tag oder ein ganzes Piece handelt, hinter der Farbe selbst steht mehr als das, was auf den ersten Blick sichtbar ist. Zahlreiche Übungen auf Papier, erste Entwürfe im Kunstunterricht, der Wunsch sich auszuprobieren oder das Bedürfnis, sich zu beweisen, nur selten offenbaren die vergänglichen Kunstwerke die Intention ihrer Ersteller. Für die jungen Sprayer spielt nicht nur die Gefahr und das Adrenalin eine Rolle, sondern auch das Erproben neuer Techniken und die Umsetzung komplexer Projekte. Graffiti ist mehr als reiner Vandalismus, es kennt seine eigene Sprache, besitzt eine eigene Etikette und ist Teil eines ganz besonderen Lifestyles, welcher die jungen Generationen immer wieder aufs Neue begeistert. Wem der Einblick in die Welt der Graffiti-Kunst dennoch nicht ausreicht, um beim Anblick der Graffiti Milde walten zu lassen, dem sei zumindest das Wissen um die Vergänglichkeit der gesprühten Kunstwerke ein Trost.