In dieser Ausstellung präsentiert Young-Jae Lee nicht nur große Schalen und zylindrische Vasen – also bewährte Klassiker –, sondern auch neue Ergänzungen: schlanke, sich nach oben öffnende Vasen aus den Jahren 2019 bis 2025. Sie sind sich ihrer „Vorfahren“, der becherförmigen Trinkgefäße mit ihren kaum ausgeprägten Standringen, bewusst. Young-Jae Lee erfindet keine völlig neuen Formen. Vielmehr versucht sie, deren Grundformen zu verwandeln und ihre strukturellen Möglichkeiten zu erweitern und zu strecken.
Doch wie fügt sich das Thema der „Kumme“, das in jüngster Zeit in ihrem Repertoire auftaucht, in den Zusammenhang der hier gezeigten Arbeiten ein? Wie in der Literatur nachzulesen ist, war die Kumme ursprünglich ein Trinkgefäß. Ein Behälter – im Grunde eine Form der Schale. Daraus ergibt sich die Frage, ob es Parallelen zu den Schalen gibt, die von Beginn an ein zentrales Thema im Werk von Young-Jae Lee waren.
Es scheint einen Entwicklungsprozess zu geben. Es war die Schale des buddhistischen Bettelmönchs, die Young-Jae Lee bereits in Korea faszinierte. Die Bettelschale, bestimmt für eine bescheidene Mahlzeit – nicht groß, rund und leicht nach innen gewölbt, als würde sie ihren Inhalt schützen. Eine Mitgift (oder vielleicht ein Vermächtnis?) ihrer östlichen Kultur auf ihrem Weg in die westliche Welt. Später, nachdem sie bereits in die europäische Gestaltungstradition eingeflossen war, wurden die Schalen enthüllt; wir kennen sie aus zahlreichen Ausstellungen. Bewegung, Leichtigkeit und Vielfalt – auch in den unterschiedlichsten Glasuren. Dann kam die große Überraschung: die Spinatschalen – schon der Name wirkt provokant. Entstanden aus ihrer vergeblichen Suche nach der koreanischen Teeschale – die sie nicht finden kann, weil sie nicht existiert – und ihrer bewussten Distanzierung von der japanischen Teeschale. Eine Befreiung und zugleich eine tief verborgene Erinnerung an die koreanische Schlichtheit.
Diese Schalen, aus denen kein Tropfen verschüttet wird, und ihre Gegenstücke – die Trinkgefäße, die in den unterschiedlichsten Formen und Größen im Werk von Young-Jae Lee erscheinen, bis hin zur hohen Bechervase – weisen den Weg zur Kumme. Kumme: Die Bezeichnung für ein heute kaum noch gebräuchliches Gefäß hat ihre Wurzeln im Mittelhochdeutschen und scheint als Gefäßform vor allem in Norddeutschland verwendet worden zu sein, ist jedoch auch in südlicheren Regionen gut bekannt. Die Kumme, ein Gefäß mit sowohl gerundeten als auch geraden Wandungen, ähnelt der Bettelschale nicht. Sie hat keinen asketischen Ursprung und erinnert auch nicht an Mildtätigkeit. Vielmehr diente sie ganz einfach zur Aufbewahrung von Speisen oder Getränken und gehörte zum alltäglichen Gebrauch. Sie wird auch Napf oder – weniger schmeichelhaft – Bottich genannt; ebenso wurden im 18. Jahrhundert aus China und Japan exportierte Porzellanschalen mit diesen Begriffen bezeichnet. Doch diese eleganten, oft reich verzierten Gefäße sprechen Young-Jae Lee nicht an. Spinatschale und Kumme stehen sich in ihrer Form sehr nahe. Während die Spinatschale eine sehr persönliche Entstehungsgeschichte besitzt, beschreibt Young-Jae Lee die Kumme als einen bewussten Bezug auf eine Gefäßform ihrer heutigen Heimat. Ein Gefühl des „Angekommenseins“, wie sie selbst sagt.
(Text von Gisela Jahn)
















