In ihrer zweiten Einzelausstellung in der Galerie Nagel Draxler versammelt Anna Ridler Arbeiten, die über instabile Wissenssysteme und die Fragilität digitaler Gedächtnisse reflektieren. Ihre Praxis kehrt immer wieder zu der Vergänglichkeit von Archiven, Sprache und Erinnerung in einer von Automatisierung und verschwindenden Online-Infrastrukturen geprägten Gegenwart zurück.
Indem Ridler frühere Untersuchungen zu Archiven und Datensätzen mit ihrer neuesten Werkgruppe zu Handschrift und Transkription verbindet, führt sie Langsamkeit, Sorgfalt und materielle Präsenz in Prozesse zurück, die gewöhnlich von Extraktion und Beschleunigung bestimmt werden.
Handschrift gehört zu den ältesten Aufzeichnungstechnologien und erfordert Zeit, physische Präsenz und anhaltende Aufmerksamkeit. Im Kontrast zur Größenordnung und Geschwindigkeit automatisierter Datenextraktion wird sie zu einer bewussten Gegenmaßnahme gegen digitalen Verfall. Indem Bildunterschriften auf Papier übertragen werden, versucht die Arbeit Fragmente eines Internets festzuhalten, das sich sonst unserem Zugriff entzieht, und bewahrt, was normalerweise abstrahiert, komprimiert oder verloren würde.
(Anna Ridler)
In der gesamten Ausstellung offenbart aufgezeichnete Sprache die kulturellen und sozialen Ideologien, die in Dokumentations- und Klassifikationssysteme eingeschrieben sind. Mit einem neuen Blick auf Ridlers Arbeit No replacements found (2015), die Systeme von Zensur und Abwesenheit auf Online-Plattformen untersucht, gewinnen diese Fragen heute weiter an Dringlichkeit: Was verschwindet, wer entscheidet darüber, was sichtbar bleibt, und wie lässt sich selbst Verlust archivieren?
Von Inseln, die allmählich unter steigenden Meeresspiegeln verschwinden, bis zu den zahllosen Darstellungen von Irisblumen im Internet zeichnen Ridlers Arbeiten Formen der Erosion in physischen wie digitalen Welten nach. Gemeinsam bilden sie eine Meditation über das zerfallende Internet und die Spuren, die bleiben.
















