Fakt oder fake? In der von Frederike Sperling und Pia Wamsler ko-kuratierten Gruppenausstellung Attitude era begibt sich der Kunstraum in die Niederungen des Post-Truth-Zeitalters.

Algorithmen haben zur Wahrheit bekanntlich ein flexibles Verhältnis. Ob eine Aussage wahr oder unwahr ist, spielt für sie keine Rolle. Entscheidend ist, was die Aufmerksamkeit der User:innen fesselt. Nicht ohne Grund ist der Populismus digital so erfolgreich. Algorithmisch belohnt werden Inhalte, die polarisieren, Ängste triggern, Fakten in Frage stellen oder gezielt eigene „alternative Fakten“ schaffen – von Fake News über Migration bis zur Leugnung der Klimakrise. Was zählt, ist der Effekt. Und der muss vor allem eines sein: engaging.

Um diese Verwandlung von Kommunikation in Spektakel besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Welt des Wrestlings. In ihrem Buch Ringmaster (2023) über den US-Wrestling-Tycoon Vince McMahon beschreibt die Publizistin Abraham Josephine Riesman den Showkampfsport als gewaltige Irrealisierungsmaschine. Im Wrestling, so Riesman, werden die Grenzen zwischen Realität und Fiktion systematisch verwischt. Die Folge: Die Zuschauer:innen lernen, ihr Bewusstsein flexibel den Wendungen des Spektakels anzupassen, mal dieses und mal jenes als Wirklichkeit zu akzeptieren, ungeachtet von Logik oder Sinn. Realität als Mindset-Frage – diesem Kalkül folgen auch die digitalen Wirklichkeitsangebote, die täglich unsere Newsfeeds fluten. Hier wie im Wrestling gilt: Wahr ist, was gefällt. Attitude ist alles.

Politik und Showkampf, Fakt und Fake, Manipulation und Dissoziation – zwischen diesen Koordinaten bewegt sich die von Frederike Sperling und Pia Wamsler ko-kuratierte Gruppenausstellung Attitude era. Sieben künstlerische Positionen beleuchten darin das Verhältnis von Realität und Fiktion in Zeiten von Slopaganda, Deepfakes und Trumpismus.