Anselmo Bucci, der als Maler, Kupferstecher, Zeichner und Schriftsteller tätig war, hatte zu seiner Zeit eine ganz besondere Stellung in der künstlerischen Szene inne: er war eine wichtige Figur des kulturellen Lebens zwischen Paris und Mailand und charakterisierte sich durch seine intellektuelle Unabhängigkeit. Diese kam unter anderem in seinem komplexen Verhältnis zur Künstlergruppe des Novecento italiano zum Ausdruck: er gehörte zu ihren Gründungsmitgliedern und verlieh ihr ihren Namen, distanzierte sich später jedoch wieder von ihr. Bucci verknüpft mit großer künstlerischer Freiheit unterschiedlichste Ausdrucksweisen, Techniken und Genres, die gleichzeitig eine ausgeprägte Stimmigkeit aufweisen. Sein Schaffen basiert auf einem tiefgehenden bildnerischen Ansatz und einer außerordentlichen literarischen Sensibilität, die beide durch die direkte Erfahrung der modernen Stadt und des Ersten Weltkriegs geprägt waren, an dem er als Kriegskünstler direkt teilnahm.
Im Untertitel der Ausstellung Il tempo del novecento tra Italia e Europa [Das novecento zwischen Italien und Europa] kommt bereits zum Ausdruck, dass ein großes Augenmerk auf der internationalen Ausrichtung des aus den Marken stammenden Bucci liegt. Er zog zunächst nach Venedig, das zur damaligen Zeit als moderne und weltoffene Stadt bekannt war, um später nach Paris und Mailand überzusiedeln. Dank eines engmaschigen Netzwerks internationaler Kontakte und persönlicher Beziehungen gelangte Bucci im Ausland zu größerer Berühmtheit als in Italien (die ersten Würdigungen seiner Arbeit stammten unter anderem von Guillaume Apollinaire und der New York times). Sein künstlerisches Schaffen bezog unterschiedlichste Sujets und Themen ein und charakterisiert sich durch einen originellen Stil und ein beachtliches malerisches Niveau. Neben den Gemälden brachte er seine Kunst auch in feinen Kupferstichen und Zeichnungen zum Ausdruck. Die Ausstellung zeigt sowohl berühmte Werke als auch weniger bekannte Zeugnisse wie Fotografien und Dokumente, die eine umfassende Neuinterpretation seines Schaffens ermöglichen.
Der zeitlich und thematisch in 10 Abschnitte unterteilte Rundgang zeichnet die Karriere und den Lebensweg des Künstlers von den jugendlichen Selbstporträts bis zu seiner Reifezeit nach, wobei sowohl die zeitliche als auch stilistische Entwicklung analysiert wird.
Den krönenden Abschluss der Ausstellung bildet ein außergewöhnliches Werk, das speziell für diesen Anlass restauriert und noch nie zuvor in einem Museum zu sehen war: I maschi [Die männer]. Auf dem großen Gemälde, das sich an einem mythologischen Thema inspiriert, wird eine Gruppe jagender Männer von Amazonen überwältigt. Die Szene spielt symbolisch auf den Geschlechterkonflikt an und bringt gleichzeitig die Faszination für männliche Akte zum Ausdruck.
Die Ausstellung wird von einem reich bebilderten Katalog des Verlags Dario Cimorelli Editore begleitet, der unter anderem Beiträge der Kuratoren Avanzi und Baroni enthält, sowie von Vittorio Sgarbi, dem Präsidenten des Mart, und den Kunsthistorikern Paolo Bolpagni, Luca Gregotti, Matteo Maria Mapelli und Elena Pontiggia. In dem Band finden sich Reproduktionen und Beschreibungen sämtlicher in der Ausstellung gezeigter Kunstwerke sowie begleitende Texte von Luca Baroni.












