In seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie präsentiert Jaanus Samma mit Fool eine Reihe von neuen Werken sowie ausgewählten früheren Arbeiten, die sich mit Männlichkeit, Macht und Verletzlichkeit auseinandersetzen. Ausgehend von historischer Forschung und materieller Kultur begreift die Ausstellung Männlichkeit nicht als feste Identität, sondern als historisches Konstrukt, das durch Symbole und Rollenbilder fortbesteht.

Männlichkeit spielt eine zentrale Rolle in Sammas künstlerischer Arbeit. In Fool nähert er sich dem Thema, indem er Motive aus der klassischen Antike, baltischer Folklore und der visuellen Kultur des frühen 20. Jahrhunderts miteinander verbindet. Klassische Archetypen – von Apollo bis Herkules – werden nicht als statische historische Vorbilder positioniert, sondern als beharrliche Vorlagen, die bis heute die zeitgenössischen Vorstellungen von Heldentum und Autorität prägen. Samma interessiert sich insbesondere dafür, wie diese Ideale im nationalistischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts instrumentalisiert wurden und bis heute im kulturellen Unterbewusstsein wirksam bleiben.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Textilarbeiten. Zwei großformatige Wandteppiche zeigen leuchtende florale Motive vor schwarzem Hintergrund; ihr lebendiges Erscheinungsbild erinnert an Pop Art und die Bildsprache Andy Warhols. Gleichzeitig verweisen die Arbeiten auf historische Textiltraditionen, in denen Pflanzen Schutz, Begehren und soziale Ordnung symbolisieren.

Drei weitere Wandteppiche präsentieren piktogrammartige folkloristische Motive aus dem baltischen Raum, verschmolzen mit explizit queerer Ikonografie. Von geschmiedeten Eisenkonstruktionen getragen, befinden sich die textilen Arbeiten in einem Zustand der Spannung: Die Metallrahmen suggerieren Stärke und Arbeitskraft, während die Textilien materiell wie symbolisch verletzlich bleiben. Samma betrachtet Textilien als materielle Archive und Träger von Geschichten, deren Ornamente und sich wiederholende Muster marginalisierte Erinnerungen festhalten. Im Gegensatz zur sogenannten offiziellen Geschichtsschreibung bewahren traditionelle Textilien die Spuren des alltäglichen Lebens und codierter Kommunikation.

Der Dialog zwischen Kraft und Verwundbarkeit setzt sich in den skulpturalen Arbeiten fort. Eine serielle Wandinstallation zeigt fragmentierte Phalli aus unterschiedlichem Marmor und verweist auf die weitverbreitete Verstümmelung antiker Skulpturen – sei es durch den Lauf der Zeit, Zensur oder vorsätzliche Zerstörung. Indem Samma den Penis als Fragment ohne heroischen Kontext darstellt, unterstreicht er, wie Gewalt am Körper sowohl normalisiert als auch ästhetisiert wurde.

Die Ausstellung umfasst außerdem eine Serie von vier wandmontierten Eisenskulpturen, die untere Torsi darstellen – teilweise nackt, teilweise bedeckt und teilweise beschädigt; aus Metall geschmiedet und gleichermaßen Schutz wie Einschränkung evozierend. Zusammen mit den Marmorskulpturen zeigen diese Arbeiten Männlichkeit als etwas, das gleichzeitig zur Schau gestellt, aber auch kontrolliert, zensiert und angegriffen wird.

Eine neue Serie von Farbstiftzeichnungen markiert eine bedeutende Weiterentwicklung in Sammas Werk. Inspiriert von der Frührenaissance und ihren exzentrischen perspektivischen Konstruktionen bewegen sich diese Arbeiten zwischen expliziten Darstellungen und subtilen Andeutungen, häufig eingebettet in üppige botanische Umgebungen.

Der Ausstellungstitel Fool führt eine zentrale konzeptuelle Figur ein. In Anlehnung an Michail Bachtins Konzept des Karnevalesken erscheint der Narr als disruptive Kraft, die Hierarchien umkehrt und Machtstrukturen offenlegt, indem sie sich ihnen verweigert. Weder komisch noch naiv agiert der Narr als Trickster, der Normen von Männlichkeit, Autorität und sozialer Ordnung infrage stellt.

Wie Jeppe Ugelvig in Bezug auf Sammas Werk geschrieben hat, sind queere Identitäten und Begehren in Räumen und Symbolen verortet, die auf den ersten Blick heteronormativ erscheinen, wie zum Beispiel antike Heldengeschichten. Durch die Neukodierung von Volkskultur, öffentlichem Raum und nationaler Ikonografie zeigt Samma auf, wie Bedeutung fluide und dauerhaft umkämpft ist.

In Fool erscheinen gesellschaftlich etablierte Konzepte von Männlichkeit nicht als unumstößliche Wahrheiten, sondern als mitunter fragile soziale Konstrukte. Dadurch eröffnet die Ausstellung einen Raum, in dem Körper und Geschichte neu gedacht werden können. Berlin mit seiner vielschichtigen Geschichte und lebendigen queeren Tradition bildet dafür einen resonanten Hintergrund und lädt dazu ein, sich mit Männlichkeit als Ort fortwährender Verhandlungen auseinanderzusetzen.