Ich hoffe, du kannst uns dort bald mal besuchen. Im Augenblick haben wir ein paar
Sonnenuntergänge einzufangen.
Immer dein bester Kumpel,
Skeet

(Die letzten Zeilen. In: Thomas Pynchon. Schattennummer. Roman. Dt. v. N. Stingl und D. van Gunsteren. Hamburg, Rowohlt, 2025)

Galerie Hubert Winter freut sich, die elfte Einzelausstellung des renommierten Künstlers Fred Sandback (1943–2003, New York) in der Galerie zu präsentieren. Zu sehen ist der komplette Werkkomplex der sogenannten Multiples, die der Künstler zwischen 1968 und 1994 konzipierte. Diese verhältnismäßig kleinformatigen Arbeiten aus Stahl, Elastikschnur und Acrylgarn bedienen sich unterschiedlicher Farben, Formen und Materialien, um sich über Wände und Ecken eines Raums auszubreiten und ihn so fundamental zu transformieren. Es ist das erste Mal, dass alle Multiples in einer Ausstellung zusammengeführt werden, was durch die enge Zusammenarbeit mit dem Fred Sandback Estate möglich gemacht wurde. Der Künstler machte 1975 folgende Anmerkungen zu seiner Arbeit.

Meine Arbeiten sind keine Environments. Sie befinden sich in gewöhnlichen Räumen, sind aber nicht so dominant oder kompliziert, dass sie ihre Umgebung in den Schatten stellen. Sie bemächtigen sich nicht des Raums, sondern existieren mit diesem zusammen.

Environments dagegen schaffen eine neue Umgebung und überschatten die ursprüngliche, und das ist von dem, was ich beabsichtige, ebenso weit entfernt wie realistische Malerei. Die meisten Gemälde und Environments bilden keine ästhetische Einheit mit einem normalen Raum, und das ist eine Eigenschaft, die ich bei meinen Werken nicht haben möchte.

Meine Arbeiten sind nicht im üblichen Sinne des Wortes illusionistisch. Sie weisen weder von sich selbst weg noch auf etwas anderes hin, was nicht da ist. Ihre Illusionen sind ganz einfach ein Bestandteil der Werke. Illusionen sind genau so real wie Tatsachen, und Tatsachen genau so flüchtig wie Illusionen. Illusionismus heißt, ein Bild von etwas zu machen. Vielleicht waren die Trapeze und Rechtecke, die ich gemacht habe, Bilder von etwas, aber meine offenen Arbeiten sind es nicht.

Ich ziehe es vor, mich inmitten einer Situation zu befinden, als lediglich an der Seite zu stehen, von wo ich entweder hinein- oder hinausschaue. Oberflächen haben es offenbar an sich, dass das, was interessant ist, sich entweder vor oder hinter ihnen befindet.

Das Innere lässt sich nicht fassen. Man kann das Innere niemals sehen. Die Suche nach dem Essentiellen einer Sache ist etwa so, wie wenn man eine Artischocke isst und dabei das Äußere immer weiter abblättert, bis nichts mehr übrig ist. Das Innere ist etwas, an das man nur glauben kann, und das, wie man hofft, alle Teile als Ganzes zusammenhält.

Meine Arbeiten sind inhärent vergänglich. Manchmal existieren größere Werke nur für ein paar Tage an einem bestimmten Ort, bevor sie auf unbestimmte Zeit beiseite gelegt werden. Prinzipiell können sie später jederzeit wiederentstehen, werden dann aber Teil einer neuen Situation sein. Wenn ich eine Arbeit an einem anderen Ort neu mache, ist sie dennoch zwangsläufig eine andere Arbeit als vorher.

Die Linie ist eine Ganzheit, und sie ist identisch mit einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Ich nehme an, dass diese Identität von anderen gespürt werden kann.

Was ich an vielen Kunstwerken bemängele, ist ihr illustrativer Charakter, ihre Eigenschaft, Ausführung einer Idee zu sein. Ich habe nicht erst eine Idee und finde dann einen Weg, sie auszudrücken. Das passiert alles gleichzeitig. Die Vorstellung, eine Idee zur Ausführung zu bringen, ist dieselbe Vorstellung, wie einem Material Form zu geben, aber das ist eine Begriffsverwirrung. Ideen sind Ausführungen.

Ich mache keine „entmaterialisierte Kunst“. Ich gestalte konkrete Situationen komplex, und das ist genau so materiell wie alles andere. So wie es falsch ist, zu meinen, man käme an den Kernpunkt, die Idee einer Sache heran, indem man sie von außen Schicht für Schicht abschält, so ist es auch falsch, davon zu sprechen, etwas könne „entmaterialisiert“ werden. Bei meiner Arbeit ist der Gebrauch von Zahlen und Systemen völlig beliebig und zufällig. [...]

Meine Arbeiten existieren immer im Innenraum. Eine sie alle betreffende Eigenschaft ist ihr zweiteiliges Dasein in einem Raum: Sie sind durch einen bestimmten Ort bedingt, und sie sind an ihn gebunden. Dennoch kommentieren sie ihn nicht, sie erzählen keine Geschichte über ihn; sie sind einfach da. Letztlich gibt es auch keinen Grund dafür, dass sie an diesem oder jenem Ort sind. Die Werke haben ihre Grenze in der Struktur des Raumes, sind aber nicht von ihm hergeleitet.

Ich arbeite in einem sehr großen, aber auch ganz speziellen Maßstab. Große Arbeiten können nicht von einem Ort zum anderen gebracht werden, ohne neu hergestellt zu werden. Das bedeutet gegenüber vielen anderen Skulpturen insofern eine Einschränkung, als bis zu einem gewissen Grad ausgeschlossen ist, dass sie aus ihrem Heimatort entwurzelt werden, ohne dass ich daran beteiligt bin.

Meine Art zu arbeiten scheint der Performance immer ähnlicher zu werden; nicht im Sinne der Vorführung eines Prozesses, sondern in den Bedingungen, die Voraussetzung sind für die Fertigstellung einer Arbeit. Manche Dinge sind bereits in meinem Atelier fertig und abgeschlossen, andere aber bleiben mehrdeutig, solange sie nicht an einem bestimmten Ort realisiert worden sind. Für diese Fälle ist ein Atelier zwangsläufig zu unbestimmt und hypothetisch. Ich mag das Gebundensein solcher Werke – man kann sie nicht einfach unter den Arm klemmen und nach Hause tragen. Sie haben ihren eigenen Ort und ihre eigene Lebensspanne.

(Fred Sandback, Notes, 1975. Übersetzung von Brigitte Kalthoff)