Demut ist kein Wort, das im anarchistischen Denken sofort willkommen scheint. Zu sehr haftet ihm der Beigeschmack von Unterwerfung an, von gesenktem Blick und innerer Anpassung. Und doch stößt man bei genauerem Hinsehen immer wieder auf eine Haltung, die genau so genannt werden müsste, wollte man ihr gerecht werden. Eine Demut, die nichts mit Gehorsam zu tun hat, sondern mit einer radikalen Nüchternheit gegenüber sich selbst und der eigenen Bedeutung. Eine Demut, die nicht klein macht, sondern frei. Dabei geht es im Folgenden nicht um Anarchismus als politisches Programm oder Organisationsform, sondern um die Absage an Herrschaft in ihren äußeren wie inneren Gestalten als Grundlage einer demütigen Haltung. Sie entsteht dort, wo der Mensch aufhört, sich selbst zum Maß aller Dinge zu erklären, und beginnt, sich als Teil eines lebendigen Zusammenhangs zu begreifen, den er nicht beherrscht, sondern mitgestaltet.

Demut als Gegenentwurf zur Selbstüberschätzung des Individuums

Bei Erich Mühsam, anarchistischem Publizisten, Dichter und Kulturkritiker („Appell an den Geist“, „Zur Naturgeschichte des Wählers“), zeigt sich diese Haltung zunächst als scharfe Abrechnung mit der Selbstüberschätzung des Individuums. Nicht als moralische Zurechtweisung, sondern als entlarvende Beobachtung. Das soziale Leben verkommt dort zur grotesken Balgerei, wo alle gegen alle antreten, um die größte Kartoffel an sich zu reißen. Der Kampf um Vorteil, Status und Aufmerksamkeit erscheint dann nicht heroisch, sondern lächerlich. Demut beginnt hier als Erkenntnis der eigenen Austauschbarkeit innerhalb einer Maschinerie, die sich von Meinungen, Stimmen und Gesten kaum beeindrucken lässt. Wer glaubt, seine politische Meinung sei von entscheidender Bedeutung, überschätzt sich maßlos. Die einzelne Stimme wird zum Tropfen Öl, der der Staatswalze hilft, gleichmäßig weiterzurollen.

Gerade darin liegt der konservative Kern des Wählens, nicht aus Überzeugung, sondern aus psychologischer Bequemlichkeit. Die Weigerung, sich an dieser Selbstverklärung zu beteiligen, ist weniger Trotz als ein Akt geistiger Bescheidenheit. Demut heißt hier, die eigene Meinung nicht für wichtiger zu halten, als sie ist, und die Illusion aufzugeben, man selbst sei der entscheidende Hebel der Geschichte. Diese Nüchternheit richtet sich bei Mühsam nicht nur gegen politische Rituale, sondern ebenso gegen kulturelle Selbstüberhebung. Der Künstler, der angewidert den Blick von der Masse abwendet und sich in die Höhen der Geistigkeit zurückzieht, ist in seiner gefühlten Überlegenheit kaum besser als jener Snob, der offen zur Gewalt und Ausbeutung aufruft. Auch er sucht Aufmerksamkeit, Sensation und Bestätigung. Seine Abgehobenheit ist keine Freiheit, sondern eine bequeme Selbstzufriedenheit. Sie erlaubt es ihm, das Elend der anderen nicht an sich heranzulassen und im Warten zu verharren, statt zu handeln. Demut wäre hier die Fähigkeit, die eigene geistige Position nicht als Schutzraum zu missbrauchen, sondern als Verpflichtung zur Teilhabe.

Demut als innere Selbstformung und Gewaltlosigkeit

Noch deutlicher wird dieser Gedanke bei Gustav Landauer, philosophischem Anarchisten und Sozialutopisten („Anarchische Gedanken über Anarchismus“). Bei ihm lässt sich die Demut nicht als Tugend im moralischen Sinn verstehen, sondern eine existentielle Voraussetzung von Freiheit. Gewaltlosigkeit, sowohl physische als auch psychologische, ist kein taktisches Mittel, sondern Ausdruck einer Einsicht in die innere Logik des Handelns. Wer glaubt, das Ideal der Gewaltlosigkeit durch Gewalt erreichen zu können, verkennt nicht nur sein Ziel, sondern sich selbst. Jede Gewaltausübung erzeugt Autorität, Diktatur, Herrschaft. Anarchie ist also kein Zustand, der gebracht oder durchgesetzt werden kann. Sie ist dort, wo Menschen sich weigern, Gewalt auszuüben. Den Fürsten zu töten hieße, die eigene Menschlichkeit zu verlieren und selbst in den Tod zu gehen. Nicht der Sturz des Fürsten steht im Zentrum, sondern die Einsicht, dass Töten kein legitimes Mittel ist.

Demut bedeutet hier, auf die Allmacht der eigenen Vorstellung von Freiheit zu verzichten. Wer anderen seine Idee aufzwingt, mag sich Revolutionär nennen, handelt aber als Despot. Landauer verschiebt den Fokus radikal nach innen. Es geht nicht mehr um Zerstörung und Wiederaufbau, sondern um das Formen des nie Gewesenen. Wer das Leben schaffen will, muss von innen her neu geboren werden und sich dabei selbst erst neu erschaffen. Das eigene Wesen wird zum ersten Ort politischer Praxis.

Der herrenlose Mensch ist zuerst seiner selbst Herr.

(Sigmund Freud)

Diese Selbstherrschaft ist kein Akt der Machtausübung, sondern der Selbstbegrenzung. Nur wer sein eigenes Chaos zulässt und darin einen Menschen entdeckt, kann die Welt gestalten, insofern sie sich gestalten lässt. Demut heißt hier, anzuerkennen, dass äußere Systematik dort endet, wo Leben beginnt.

Demut als Verweigerung der Verallgemeinerung des Eigenen

Bei Max Stirner, Philosoph des individualistischen Anarchismus („Der Einzige und sein Eigentum“), erhält der Gedanke der Demut eine paradoxe, auf den ersten Blick fast widersprüchliche Wendung. Stirner gilt gemeinhin als Denker des Egoismus, als radikaler Verteidiger des Eigenen gegen jede Form von Allgemeinheit. Der Egoist ist im Sprachgebrauch negativ konnotiert. Doch bezieht sich Stirner auf den, der offen seine eigene Sache verfolgt, nicht jedoch jenen, der seine Sache als Wahrheit ausgibt und sie anderen verkauft. Die eigene Sache ist nicht die Sache des Menschen, nicht die Sache des Gerechten und auch nicht die Sache des Richtigen. Sie ist einzig, so wie jeder einzig ist. Diese Einzigkeit entzieht sich jeder Normierung. Wer sie anerkennt, verzichtet darauf, seine eigene Perspektive zu privilegieren. Die eigene Wahrheit bleibt an die eigene Existenz gebunden und verliert damit ihren Herrschaftsanspruch. Sie zwingt niemanden, sie nachzuvollziehen, und sie erhebt keinen Anspruch auf Dauer oder Übergeordnetheit.

Doch gerade in dieser Radikalität liegt eine Form von Demut verborgen, die nicht im Verzicht auf das Eigene besteht, sondern im Verzicht darauf, das Eigene zu verallgemeinern. Sie liegt hier im Durchschauen dieser Verschiebung, denn in diesem Sinne bedeutet sie, sich selbst ernst zu nehmen, ohne sich über andere zu erheben und wird somit nicht zur Selbstverkleinerung, sondern zur bewussten Begrenzung des eigenen Geltungsanspruchs. Die zentrale Kritik also richtet sich gegen Ideale. Jedes Ideal, ob Wahrheit, Menschheit, Moral oder Freiheit, erhebt den Anspruch, mehr zu sein als ein Gedanke, nämlich eine Verpflichtung. Indem etwas zur Wahrheit erklärt wird, soll es auch zur Sache der anderen werden. Wer ein Ideal vertritt, präsentiert seine eigene Vorstellung als etwas Allgemeines und verlangt Unterordnung, nicht unbedingt durch Zwang, oft durch moralische Selbstverständlichkeit.

Vom Ende der Selbstüberhöhung

So entsteht aus anarchistischem Gedankengut ein Demutsbegriff, der überraschend weit reicht. Er richtet sich gegen Protzerei und Luxus ebenso wie gegen geistige Arroganz. Er misstraut der schrillsten Stimme genauso wie der stillen Selbstüberhöhung. Demut ist hier keine Unterwerfung unter äußere Ordnung, sondern die Anerkennung der eigenen Begrenztheit. Sie verlangt, die eigene Meinung nicht für wichtiger zu halten als sie ist, die eigene Kunst nicht für erhabener, die eigene Freiheit nicht für übertragbar. In diesem Sinne ist Demut vielleicht die radikalste anarchistische Haltung. Sie entzieht der Macht ihren Nährboden, weil sie sich weigert, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Sie erlaubt Gemeinschaft ohne Gleichschaltung, Freiheit ohne Zwang. Und sie erinnert daran, dass jedes ernsthafte soziale Handeln dort beginnt, wo der Mensch aufhört, sich selbst im Zentrum zu sehen, und beginnt, sich als Teil der Welt zu begreifen, die ihm so erscheint, wie er selbst ist.