„Ich habe die Menschen angesprochen, drei Bilder gemacht und fertig. Die haben mich vergessen, aber ich nehme sie mit wie Verwandte.“ So äußerte sich Helga Paris über ihr künstlerisches Schaffen im Rahmen der Porträt-Fotografie. Das kurze Zitat lässt bereits tief in das Selbstverständnis der Fotografin blicken und verrät viel über den Dialog zwischen Fotografin und Fotografierten, sowohl über die Nähe auf der einen Seite, als auch die Distanz auf der anderen.

In diesem Artikel geht es um die 1938 in Gollnow, Pommern, geborene Fotografin, welche sich bereits in den 1960er Jahren der Fotografie widmete. Ihre Porträts und Aufnahmen von Straßen, Gebäuden und Kneipen in Ost-Berlin und anderen Städten der DDR sind einzigartige Fundstücke aus dem Alltag vor der Wende. Bildbände wie „Diva in Grau. Häuser und Gesichter in Halle“ erlauben es, den normalen Alltag der Personen im Osten vor dem Mauerfall mitzuerleben. Ob es zur Arbeit geht, zum Klatsch am Kiosk um die Ecke oder zum Einkaufen, Helga Paris blieb dicht an den Menschen und erlaubt es damit Jahrzehnte später noch, die scheinbare Normalität wiederzuentdecken.

Kurzbiografie Helga Paris

Zur Fotografie kam Helga Paris, geborene Steffens, erst spät. Ursprünglich hatte sie Modegestaltung in Berlin studiert und war beruflich in diesem Bereich tätig gewesen. Dank ihrer Ehe mit dem Maler Ronald Paris war ihr die Welt der Kunst nicht fremd, dennoch sollte es eine Weile dauern, bis Paris ernsthaft mit ihren fotografischen Arbeiten beginnen konnte. „Mach mal Fotografie.“ So riet ihr ein Freund, nachdem dieser ein Bild ihrer Kinder in die Hände bekam und sofort das Talent dahinter erkannte. Für Paris, die sich schon lange für Fotografie interessiert hatte, war dies der Schubser, den sie gebraucht hatte. Als sie 2008 ihre berufliche Karriere als Fotografin beendete, hatte sie ein großes Archiv an Filmen und Negativen angesammelt. Mehr als 230000 Negative überließ sie 2020 der Akademie der Künste in Berlin. Ihr Werk ist mehrfach ausgezeichnet und wird heute noch national und international gezeigt. Sie verstarb 2024 in Berlin, jener Stadt, in welcher sie die meiste Zeit ihres Lebens verbracht hatte.

Leben und Werk

Helga Paris fotografierte Familienmitglieder und Freunde, einen großen Teil ihres Werkes machen hingegen Fremde aus, welche sie auf der Straße ansprach und welche sich spontan bereit erklärten, Teil des Werkes der Künstlerin zu werden. Ob die Porträtierten wussten, worauf sie sich genau einließen, lässt sich nicht mehr feststellen, auffällig ist aber, dass sie sich alle, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Ort, vor der Kamera der Künstlerin wohl zu fühlen schienen. Paris wusste, wie sie Personen in Szene setzen kann; ob es sich nun um Verkäuferinnen handelte, welche mit verschränkten Armen und gehobenem Kinn selbstbewusst in die Kamera schauten, oder um Jugendliche, welche gelangweilt-spöttisch dreinblickten und so wirken, als könnten sie nicht erwarten, bis das Foto endlich im Kasten sei und man sie wieder in Ruhe lassen würde.

Dennoch sind die Porträts für Helga Paris stets räumlich verortet, in ihrem Bildband „Diva in Grau“ fällt entsprechend auf, dass die Titel ihrer Fotografien überwiegend den Namen der Straßen entsprechen, in welchen sie aufgenommen wurden. Denn Porträts machten nur einen Teil ihres künstlerischen Schaffens aus. Paris war auch eine talentierte Fotografin, was Orte des öffentlichen Lebens anging. Ihr gelang es, die Atmosphäre eines stressigen Bahnhofplatzes ebenso einzufangen wie die einer verlassene Gasse oder jene des örtlichen Fahrradladens. Den Bildern von kriegszerstörten Häusern und verlassenen Baustellen haftet jedoch eine Kritik am Status quo an, welche die Porträts nicht aufweisen. Diese richtet sich entschieden nicht gegen die Stadtbewohner, sondern gegen jene, welche für den zögerlich voranschreitenden Wiederaufbau verantwortlich waren.

Kunst und Fotografie im Schatten des Regimes

Zwei Jahre lang widmete sich Paris der fotografischen Dokumentation der Innenstadt von Halle. Zwischen zerstörten Häusern, verlassenen Autokarosserien und spielenden Kindern wird schmerzhaft deutlich, dass der Wiederaufbau der Stadt nicht geglückt ist. Fotos von fein säuberlich aufgehängten Gardinen in heruntergekommenen Häusern und Herren in gutsitzenden Anzügen zeigen dennoch, dass es den Bewohnern von Halle nicht an Stolz mangelte. Selbstbewusst und offen schauen die Porträtierten in die Kamera und lassen die kaputten Fassaden im Hintergrund verblassen. Nicht umsonst wird Paris als herausragende empathische Porträtfotografin gelobt.

Dieser klare Fokus auf die Personen konnte jedoch nicht verhindern, dass ihre Bilder in der DDR nicht mehr ausgestellt werden konnten. 1986 wurde die Ausstellungseröffnung erfolgreich verhindert, ein erneuter Versuch im darauffolgenden Jahr scheiterte ebenfalls. Für die Verewigung der Stadt Halle hatte man sich Darstellungen gewünscht, welche eher den offiziellen Aussagen hinsichtlich der Wohnungspolitik der DDR entsprachen.

Tatsächlich sollten noch mehrere Jahre vergehen, bis die Öffentlichkeit die Fotografien Anfang der 1990er Jahre zu sehen bekam. Das Warten hatte sich allerdings gelohnt; selbst heute noch haben die Bilder nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Für Paris dürfte die Erfahrung hingegen niederschmetternd gewesen sein, Jahre später tat sie diese Erfahrung jedoch als Ärgernis ab, an welchem nichts zu ändern gewesen sei. Die Hintergründe des Verbots hatte sie hingegen damals schon klar verstanden.

Jugend und Selbstverwirklichung in der DDR

Die Fotografien von Helga Paris zeigen neben Angestellten auf dem Weg zur Arbeit und Kindern beim Spielen auch Personen, welche auf den ersten Blick überraschend wirken dürften. Jugendliche mit Zigaretten, schwarz gefärbten Haaren und Lederjacke veranschaulichen die alternative Jugendkultur der DDR und zeigen, dass es in der DDR diverse Subkulturen gab, welche sich nach Abgrenzung von den Eltern sehnten und sich der staatlichen Kontrolle entziehen wollten. Trotzig oder gleichgültig blicken die Teenager in die Kamera und lassen erahnen, wie stark der Wunsch nach Selbstverwirklichung bei den jungen Leuten war.

Denn ebenso wie die westdeutsche Jugend sehnten sich die Teenager nach amerikanischer Musik und Kultur und wollten lieber Punk-Konzerten lauschen als sich dem Klassenkampf und dem Aufbau des Sozialismus zu widmen. Im Mittelpunkt standen zunehmend Hausbesetzungen, geleitet von dem Wunsch, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Dass es Paris gelungen war, diese Jugendkultur scheinbar zufällig einzufangen, verdient eine besondere Anerkennung.

Heutige Rezeption

Heutzutage helfen zahlreiche Ausstellungen und Neuauflagen ihrer Bildbände, die Fotografin Helga Paris und ihre Vision wiederzuentdecken. Nach ihrem Tod 2024 wurde ihr beispielsweise in der Fotografiska Berlin eine umfassende Ausstellung gewidmet. Hervorgehoben wird vor allem ihre enge Beziehung zu den Fotografierten, welche die Künstlerin in dem eingangs erwähnten Zitat betonte. Die Intensität der Porträts scheint, auch über Jahrzehnte hinweg, noch den Blickkontakt mit den heutigen Betrachtern zu suchen. Obwohl Paris die negativen Seiten niemals verschleiert, bleibt ihr Blick auf Zerstörung und Armut stets respektvoll und voller Mitgefühl. Das lässt sie nicht nur zu einer wichtigen Zeitzeugin für die Zeit vor dem Mauerfall werden, sondern zu einer Künstlerin, welcher es daran gelegen war, alles Fotografierte nicht bloßzustellen, sondern aufrichtig wiederzugeben.

Das Lenbachhaus in München zeigt Ausschnitte aus der für 1986 geplanten Ausstellung „Häuser und Gesichter. Halle 1983 – 1985“ und versetzt die Besucher für eine kurze Zeit in jene Stadt, welche dank des später erschienenen Bildbandes von Paris den Spitznamen „Diva in Grau“ erhielt und diesen bis heute innehat. Basierend auf einem Gedicht von Detlef Opitz mit selbigem Titel erhielt schließlich der ganze Bildband den Beinamen der Stadt, welchen sich diese nach Aussagen des Dichters mehr als verdient hatte. Weder als Beobachter noch als Tourist könne man nach Halle kommen, hier gäbe es für dergleichen nichts zu sehen und nichts zu verstehen. Hilflos würde man nach Worten suchen, welche dem Entsetzen im Angesicht der Stadt Halle Ausdruck verleihen könnte. Schon bei der Lektüre wird klar, dass Opitz deutlich schonungsloser mit Halle umgeht als Paris, statt Halle empathisch zu dokumentieren, wünscht er der Stadt gerne direkt den Abriss. Alleine diese kontrastreiche Bestandsaufnahme lässt den Bildband heute noch genauso unterhaltsam und kurzweilig wirken wie vor mehr als dreißig Jahren.

Fazit

Im Rahmen ihrer beruflichen Laufbahn hatte Helga Paris zahlreiche „Verwandte“ gesammelt, welche sie nach deren Fotografien immer bei sich trug. Ihre Porträtfotografien sind ein einzigartiges Zeugnis für den Alltag und die Normalität in Ostdeutschland vor dem Mauerfall. Nicht nur weil sie in der Lage war, diese geschichtsträchtige Zeit derart umfangreich zu dokumentieren, sondern auch aufgrund der Art und Weise, wie sie sich entschieden hat, Armut und Zerstörung darzustellen. Noch heute laden die Fotografien ein, jene Lebensrealität wiederzuentdecken, welche kaum vergangen und gleichzeitig schon fast wieder vergessen scheint. Das Mitgefühl und Talent der Fotografin für zeitlose, eindrückliche Porträts machen ihr Werk nach wie vor zugänglich und rechtfertigen eine Wiederentdeckung im Rahmen von Ausstellungen und Bildbänden.