Die chinesische Gesellschaft ist nicht nur unglaublich komplex und riesig, sondern auch äußerst stolz auf ihr historisches Erbe und seit der Gründung der Republik China durch Chiang Kai-Shek durch und durch nationalistisch. Wenn man beispielsweise das strategische Misstrauen in den Beziehungen zwischen China und den USA betrachtet, so rührt dieses von grundlegenden Unterschieden in ihren politischen Systemen, Ideologien und internationalen Ambitionen her. Beide Nationen verdächtigen die jeweils andere, ihre politischen Systeme und internationalen Positionen untergraben zu wollen.

Dieses Misstrauen wird durch ihre unterschiedlichen historischen Erfahrungen verschärft, die zu divergierenden Weltanschauungen und Misstrauen hinsichtlich der langfristigen Absichten und „Policies“ der jeweils anderen Seite führen. Um dem entgegenzuwirken, empfehlen Experten immer wieder eine Zusammenarbeit, die durch vor allem auf gegenseitigem Verständnis beruht. Im Folgenden ein Briefing über China in Bezug auf Gesellschaftlich-Soziales, Politik und Wirtschaft, um durch Bildung ein besseres Verständnis aufzubauen.

Die gesellschaftlich-soziale Sphäre

Die Führung Chinas und seine Bevölkerung haben beide einen langjährigen nationalen Komplex geerbt, der darin besteht, dass sie es als ihre Pflicht ansehen, das Land zusammenzuhalten, indem sie an einer kollektiven ganzheitlichen bzw. holistischer Weltanschauung festhalten. Der Ursprung diesem liegt im Zerfall der Zhou-Dynastie – 771 vor Christus – nach welchem viele bis heute einflussreiche philosophische Schulen entstanden. Bekannte Beispiele sind Daoismus, Mohismus, Legalismus und Konfuzianismus. Trotz unterschiedlicher Ansätze war das gemeinsame Ziel die Wiedervereinigung des Landes, die im Laufe der Geschichte nach dem Untergang einer weiteren Dynastie, die das Land in Chaos gestürzt hatte, gefördert wurde. Heutzutage finden die Schulen unterschiedliche Anwendungsbereiche.

Wenn es um soziale Muster geht, ist der Konfuzianismus – welches Bescheidenheit und Hierarchie betont, wie man zum Beispiel am Personenkult rund um Xi Jinping erkennen kann – nach wie vor am einflussreichsten. Ein weiteres Merkmal des Konfuzianismus ist der Nepotismus, der auch für Chinas Wirtschaft zunehmend zu einem Problem wird.

Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, sich in der Öffentlichkeit apolitisch zu verhalten. Viele Chinesen neigen dazu, nicht über Politik zu sprechen, da sie die Führung der Kommunistischem Partei Chinas (KP) akzeptieren, solange die Regierung im Gegenzug für Wirtschaftswachstum sorgt. Ganz im Sinne konfuzianistischer Werte: Diese Art Gesellschaftsvertrag geht zurück auf das Tian’anmen Massaker (Juli 1989), in der die Forderung nach einer Liberalisierung der individuellen Rechte als natürliche Nachfolge der Liberalisierung des Marktes auf brutale Weise abgelehnt wurde. Obwohl dieses Ereignis weder unterrichtet noch erwähnt wird – und man sollte dies innerhalb Chinas in der Tat auch unterlassen –, waren sie ein entscheidender historischer Punkt in der Entstehung der heutigen chinesischen Gesellschaft.

Die politische Sphäre

Wie bereits oben erwähnt, ist das Verhältnis zwischen der politischen Elite und der Gesellschaft ein striktes „Die Regierung sorgt für Wirtschaftswachstum im Land, und die Bevölkerung schweigt im Gegenzug“-Verhältnis. Mit anderen Worten: Das chinesische Regierungssystem ist in keiner Weise transparent. Das politische System in China basiert zwar offiziell auf zwei Säulen – der Partei, die für die Gesamtpolitik verantwortlich ist, und der Regierung, die lediglich eine administrative Rolle spielt –, doch ist das System in seiner Gesamtheit sehr schwer nachzuvollziehen, insbesondere für Ausstehende bzw. Ausländer.

Die Grenzen zwischen militärischer und ziviler Führung sind verschwommen, und es gibt eine interne Hierarchie, die sich aus einem konfuzianischen Sozialmuster ergibt, was westliche bzw. amerikanische Intellektuelle dazu veranlasst, hochrangige Beamte als „Paramount Leaders“ zu bezeichnen, da Berufsbezeichnungen wie Minister nicht immer ihren tatsächlichen Einfluss und Macht widerspiegeln. Darüber hinaus wird großer Wert auf Konsens gelegt, jedoch können diese Koalitionen innerhalb dieses inoffiziellen Entscheidungssystems auf allen möglichen zwingenden Gründen beruhen und ständig improvisiert werden.

Eine der Ursachen für den Wunsch nach Intransparenz ist der bereits erläuterte Gesellschaftsvertrag, aber auch das bereits in der Einleitung angesprochene strategische Misstrauen. „China” bedeutet im Mandarin auch „Reich der Mitte” oder „göttlicher Staat”, Als die westlichen Mächte im 19. Jahrhundert China nicht nur zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit wirtschaftlich überholten, sondern es auch durch die Opiumkriege militärisch zweimal zur Öffnung seiner Grenzen zwangen, obwohl es seit der Song-Dynastie (960 bis 1279 nach Christus ) viele Jahrhunderte lang politisch isolationistisch geprägt war, hinterließ dies eine Narbe in der chinesischen nationalen Identität, weshalb die vergangenen Jahrhunderte im chinesischem Verständnis als „Jahrhunderte der Demütigung“ bezeichnet werden.

Seit der klaren Definition seiner Kerninteressen durch Präsident Hu Jintao zum Beginn des 21. Jahrhunderts (Wirtschaftliche und soziale Entwicklung, Souveränität und territorialen Integrität) und des Sozialismus mit chinesischen Merkmalen von Deng Xiaoping um ca. 1982, weist China Forderungen von außen nach Menschenrechten und Umweltschutz als übertrieben kritisch zurück. Dies rührt nicht nur daher, dass westliche Länder vor der Industrialisierung Chinas die Welt verschmutzt haben und historisch selbst eine schlechte Menschenrechtsbilanz aufweisen, sondern auch stark davon, dass Demokratie, als instabiles und schwaches, somit als grundlegend falsches System für Entwicklungsländer empfunden wird, sodass diese Forderungen letztlich als untergrabend und schikanierend („Western bullies“) empfunden werden.

Darüber hinaus beruht Chinas Kerninteresse an der Erhaltung seines grundlegenden Staatssystems und seiner nationalen Sicherheit zusammen mit der nationalen Souveränität und territorialen Integrität Themen wie Tibet, Xinjiang und Taiwan sowie die chinesischen Ambitionen im Südchinesischen Meer. Eine Gegenposition zur chinesischen politischen Elite in diesen Fragen wird höchstwahrscheinlich zu Reaktionen führen, die dem auf Legalismus basierenden Rechtssystem ähneln: amoralisch, hart und das Ziel durch Rechtfertigung der Mittel erreichend – vom Ende her denkend.

Die wirtschaftliche Sphäre

Die Transformation der chinesischen Wirtschaft seit Ende der 1970er von einem vollständig kommunistischen Planwirtschaftsmodell zu einem marktwirtschaftlichen Modell stellt einen bedeutenden Wandel dar. In der Mao-Ära lag der Schwerpunkt auf Selbstversorgung und Industrialisierung, doch die Wirtschaftspolitik führte zu Stagnation und großen Katastrophen wie der „Großen Hungersnot”. Als Deng Xiaoping an die Macht kam, führten die Reformen nach 1979 – wie die Vier Modernisierungen mit den Schwerpunkten Landwirtschaft, Technologie, Militär und Wissenschaft – zur Einführung von Marktmechanismen, ausländischen Investitionen und Anreizen für die Produktion sowie für privates Unternehmertum, was seitdem zu einem bemerkenswerten BIP-Wachstum und einem Anstieg des internationalen Handels geführt hat.

Chinas Fokus darauf, die „Fabrik der Welt“ zu sein und so produktiv wie möglich zu werden, führte jedoch dazu, dass die Gewinne nicht ausreichten, um die Nachfrage nach Lohnerhöhungen zu kompensieren. Darüber hinaus führten die „Vier Grundprinzipien“, die eine marxistisch-leninistische und maoistische Ideologie implizieren, beispielsweise zu Chaos im Bankensektor, da Kredite nicht auf der Grundlage von Gewinnaussichten, sondern Aufgrund von Beziehungen vergeben wurden – Vetternwirtschaft bleibt ein großer Schwachpunkt der chinesischen Gesellschaft in Bezug auf Leistung.

Darüber hinaus sieht sich China mit einer wachsenden Einkommenskluft, Umweltverschmutzung, (Korruption) und Landenteignungen konfrontiert. Die Regierung erkennt diese Probleme an und will vor allem die wirtschaftliche relative Stagnation durch mehr Innovation bekämpfen. Ohne die Gewährung weiterer individueller Rechte wie Pressefreiheit und damit Meinungsfreiheit ist dies aus westlicher Sicht und Logik jedoch eher unwahrscheinlich. Ein kleiner Hinweis: die Berichterstattung des chinesischen Nationalem Statistikamt (NBS) über die Jugendarbeitslosigkeit – insbesondere für die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen ohne Studenten wurde im Juni 2023 vorübergehend eingestellt, da sie mit über 21 % einen Rekordwert erreicht hatte.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Komplexität und der Nationalstolz der chinesischen Gesellschaft, die tief in ihrem historischen Erbe verwurzelt sind, den Boden für strategisches Misstrauen gegenüber Ausländern bereiten. Das soziale Gefüge ist vom Konfuzianismus und anderen philosophischen Schulen geprägt, die Hierarchie und Bescheidenheit betonen, das Kollektiv generell über das Individuum stellen, sowie von einem Gesellschaftsvertrag, der wirtschaftliches Wachstum im Austausch für politisches Schweigen fordert. Politisch ist Chinas System undurchsichtig, wobei eine auf dem Konfuzianismus basierende interne Hierarchie die Entscheidungsfindung und Konsensfindung bestimmt. Wirtschaftlich hat der Übergang von einer maoistischen Wirtschaft zu marktwirtschaftlichen Reformen seit 1979 zu einem bedeutenden Wachstum geführt, obwohl Herausforderungen wie Einkommensunterschiede und Umweltverschmutzung weiterhin bestehen.

Die Bewältigung dieser Probleme erfordert einen Ausgleich zwischen Wirtschaftswachstum und sozialen und ökologischen Belangen, was die Notwendigkeit des Verständnisses der einzigartigen Mischung aus historischen, sozialen und politischen Dynamiken Chinas unterstreicht. Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten1. Ein weiter Hinweis zum Schluss: In einem kurzen Briefing kann man der Komplexität der chinesischen sozialen Normen nicht gerecht werde. Ich empfehle daher jedem, der sich über grundlegende Kenntnisse hinaus Bilden möchte weitere wichtige wissenschaftliche Werke über China: Gesellschaft und Politik zu lesen. Eine Empfehlung ist beispielsweise Henry Kissingers „On China”.

Anmerkungen

1 Dr. phil. Helmut Josef Michael Kohl, Bundeskanzler, in einer Rede im Bundestag, 1995.