In diesem Sommer präsentiert die Fondation Beyeler als erstes Museum in der Schweiz eine umfassende Einzelausstellung von Pierre Huyghe (g. 1962, Paris), einem der innovativsten Künstler der Gegenwart. Die eigens für die Fondation Beyeler konzipierte Ausstellung vereint neue Werke, die jüngsten Filme des Künstlers sowie zentrale Arbeiten der letzten Jahre.
Seit über zwei Jahrzehnten hinterfragt Pierre Huyghe gängige Vorstellungen davon, was eine Ausstellung sein kann, wie etwa bei seiner Teilnahme an der Documenta 13 (2012) und den Skulptur Projekten Münster (2017). Er ist dafür bekannt, Ausstellungen als «spekulative Fiktionen» zu entwickeln, aus denen andere Erscheinungsformen der Welt hervorgehen – mit Kontinuitäten zwischen Lebensformen, Technologie, biologischer und unbelebter Materie, die einem ständigen Lernprozess unterliegen, sich verändern und weiterentwickeln. Seine Arbeiten sind keine statischen Objekte, sondern werden vom Künstler als «dynamische Situationen» beschrieben, die von Zeit und Unvorhersehbarkeit geprägt sind.
Die für die Fondation Beyeler entworfene Ausstellung wird zu einem ortsspezifischen Erlebnis: Die Werke sowie die Räume dazwischen bilden einen uneindeutigen Schwellenraum. Im Zusammenspiel wechselnder Arbeiten, die bewegte Bilder, Klänge, Objekte, Lebewesen und maschinelles Lernen miteinander verbinden, entfaltet sich die Ausstellung zu den Rhythmen von Apnea, 2026, einem künstlichen Atmungsorgan, das, unter Wasser zusammengerollt, im menschlichen Rhythmus atmet; seine Membran schwingt dabei im Takt. Luft, Klänge und feine Vibrationen zirkulieren durch die Wände, bis sie aus dem Takt geraten oder unterbrochen werden, und bilden so ein Atemfeld, das die gesamte Ausstellung durchdringt.
Dieser Zustand findet in Alchimia, 2026, seine Fortsetzung: Ein Wurm, verstanden als larvenhafter Vorläufer des menschlichen Unbewussten, liegt an der Schwelle einer Tür. Vom Atem belebt, murmelt und summt er in einer Polyphonie von Stimmen in die umgebende Materie hinein; wird ihm die Luft entzogen, gerät er ins Stocken und windet sich. Wie Apnea rückt auch dieses Werk die Atmung sowohl als physische als auch symbolische Kraft, die unsere Erfahrung prägt, ins Zentrum.
Subtile Erlebnisse, ebenso gespürt wie beobachtet, eröffnen eine Begegnung mit dem Unbekannten. Dieser Zustand wird durch die Präsenz von Pierre Huyghes jüngstem Film Liminals, 2025 verstärkt. Liminals entfaltet sich als zeitgenössischer Mythos, der einen nicht-menschlichen Zustand simuliert und das Ungewisse erkundet. Eine gesichtslose menschenähnliche Figur tritt aus sich wandelnden Zuständen hervor und versucht, in einer Sphäre ausserhalb von Raum und Zeit zu existieren. Es ist ein «Schwellenzustand, ein unaufhörlicher Tanz der Materie», wie es der Künstler beschreibt, in dem unzählige Möglichkeiten gleichzeitig existieren und jeder Moment ein Vielleicht ist. Indem sich innere und äussere Welten ineinanderfalten, lösen sich die Grenzen zwischen Körper, Umwelt und formenden Kräften auf. Der Film geht der Frage nach, ob man sich zu einer solchen Realität in Beziehung setzen kann und unter welchen Bedingungen mehrere Existenzzustände gleichzeitig erfahrbar werden.
In der Ausstellung fungiert ein grosses, geschlossenes Tor mit dem Titel Adversary, 2026 als Schwelle. Es ist zugleich Bild und Zugang zu dem, was dahinterliegt. Ein mentales Bild und ein gemeinsames Produkt der Vorstellungskraft von Mensch und Maschine, vergegenständlicht in einer Tür mit Flachrelief. Eine einzige realisierte Vorstellung unter unzähligen möglichen mentalen Bildern. In Camata, 2024, scheint ein Ensemble von Maschinen ein unbekanntes Ritual an einem unbestatteten Skelett zu vollziehen, das in der lebensfeindlichen Atacama-Wüste in Chile gefunden wurde. Es ist zugleich ein endloses Totenritual, ein Lernprozess und die Herausbildung eines körperlosen Bewusstseins. Ohne Linearität, Anfang oder Ende wird der Film in Echtzeit kontinuierlich neu editiert, gesteuert durch im Ausstellungsraum montierte Sensoren. Innerhalb der Ausstellung lagern sich in Timekeeper, 2026, Schichten von Wandfarbe und Sedimenten auf Oberflächen ab, während sich Light dust, 2026, im gesamten Raum ausbreitet und einen durchgehenden Boden bildet. Farbiger Staub, wechselnde Muster und künstlich projiziertes Licht entfalten sich über Böden, Wände und Decken und machen Zeit und Licht zu wahrnehmbarer Materie.
Die Werke funktionieren nicht länger als isolierte Einheiten, sondern entstehen als durchlässige Situationen. Bewegungen, Bilder und Ereignisse treten hervor, mal synchron, mal dissonant. Frühere Arbeiten und neue Produktionen koexistieren als aktive Präsenz innerhalb eines Beziehungsgefüges, das sich fortlaufend neu konfiguriert und immer wieder neue Narrative hervorbringt.
Die Ausstellung der Fondation Beyeler lädt Besucherinnen und Besucher in eine «Seelenlandschaft» ein, eine innere Welt, die sich aus überlagernden Zeitlichkeiten, Stimmen und Zuständen zusammensetzt. Es entsteht eine Polyphonie, die Momente des Widerspruchs und der Verwirrung offenbart. Die Ausstellung setzt die Auseinandersetzung des Künstlers mit einer metaphysischen und fiktionalen Annäherung an Existenz fort ohne Hierarchie zwischen Fiktion und Realität, dem Lebendigen und dem Künstlichen, dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen. Sowohl sensorisch als auch introspektiv eröffnet die Ausstellung eine Perspektive, die über menschliche Erfahrung hinausreicht. Sie wird so zu einem Ort, an dem sich unterschiedliche Subjektivitäten herausbilden und neue Dimensionen von Wirklichkeit erfahrbar werden.
Pierre Huyghe: «Fiktionen sind Vehikel, die uns Zugang zu anderen möglichen Welten verschaffen, zu einer kontrafaktischen Vorstellungskraft. Solche Fiktionen, losgelöst vom Bekannten, frei vom Hier und Jetzt, lassen Raum für Spekulationen, für andere Wege, die nicht eingeschlagen wurden. Sie ermöglichen es uns, uns selbst von aussen zu erfahren.»












