Die Literatur des 20. Jahrhunderts war stark beeinflusst von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen und stellt sich dar wie ein bunter Blumenstrauß aus verschiedensten Perspektiven, Themen und Stilen. Die Autorinnen und Autoren wurden geprägt von zwei Weltkriegen, neuen Technologien und dem teils noch sehr engen gesellschaftlichen Korsett ihrer Zeit. Anders zu sein oder zu marginalisierten Gruppen zu gehören bedeutete mitunter, einen hohen Preis zahlen zu müssen, um in der Öffentlichkeit stehen zu können. Für Frauen, People of Color oder queere Menschen gab es deutlich weniger Raum, eigene Werke zu veröffentlichen und hierfür gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Noch schlimmer sah es in Fällen von intersektionaler Diskriminierung aus. Dennoch gab es diese Autorinnen und Autoren und ihre Werke erzählen von gänzlich anderen Herausforderungen und Schwierigkeiten, von welchen der ohnehin turbulente Alltag des 20. Jahrhunderts geprägt war. Ein solcher Autor war James Baldwin.
Baldwins Leben und Werk
James Baldwin wurde 1924 geboren und wuchs in New York auf. Sein erstes Werk Go Tell It on the Mountain wurde 1953 veröffentlicht. In dem zutiefst persönlichen Roman arbeitete er seine eigenen religiösen Erfahrungen auf. Schon sein Erstlingswerk wurde zu einem großen Erfolg, an welchen er mit jeder weiteren Veröffentlichung anknüpfen konnte. Bis zu seinem Tod im Jahre 1987 gewann er zahlreiche Preise und Stipendien. In seinen fiktiven Werken widmete er sich zahlreichen Themen, welche in der literarischen Landschaft des 20. Jahrhunderts kaum Aufmerksamkeit gefunden haben. In Giovanni's Room (1956) setzte er sich mit der Liebe zweier Männer auseinander, welche außerhalb der gemeinsamen Wohnung keinen Platz hat und schließlich unter anderem an dieser fehlenden Akzeptanz scheitert. Baldwins Werk umfasst jedoch nicht nur fiktive Romane, sondern auch Kinderbücher, Essays und Gedichte. Häufige Themen des Autors spiegeln seine Erfahrungen als queerer, Schwarzer Mann wider, welcher auf mehreren Ebenen Ausgrenzung und Diskriminierung erleben musste.
Nachdem die Werke Baldwins jahrzehntelang nicht auf Deutsch vorlagen, gibt es seit kurzem einige Neuübersetzung der Romane. Für deutsche Leser gibt es nun endlich wieder die Möglichkeit, sich mit dem begnadeten Schriftsteller zu beschäftigen, und ihm in eine Zeit zu folgen, welche sich lang vergangen anfühlen mag, deren Themen von Rassismus, Homophobie und Ausgrenzung aber aktueller sind denn je.
Go Tell It on the Mountain: Der Vater des Schriftstellers
Für Baldwin war Go Tell It on the Mountain (1953) eine intensive Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familie und Herkunft. Besonders die eigene Vater-Sohn-Beziehung spielte für den Autor eine Rolle. Erst mit dem Tod seines Vaters wurde er, nach eigener Aussage, darauf aufmerksam, dass er kaum jemals mit diesem gesprochen hatte. Beiden, seinem Vater und sich selbst, schrieb er einen fast unüberwindbaren Stolz zu, welcher es beiden unmöglich machte, sich auszutauschen. Der Vater gehörte laut Baldwin der ersten Generation freier Schwarzer Männer an, welche in den Norden Amerikas auswanderten. Baldwin selbst hingegen würde die Landschaft und die Lebensumstände seines Vaters und Großvaters niemals selbst kennenlernen. Für ihn war sein erster Roman der einzige Weg, seine literarische Karriere zu starten. Er müsse sich zu allererst mit dem auseinandersetzen, was ihn am meisten verletzt hatte, erklärte Baldwin später. Hiermit war sein Vater gemeint.
Gleichzeitig ist Go Tell It on the Mountain eine intensive Auseinandersetzung mit einer frühen religiösen Krise des Autors, welcher in seiner Jugend selbst in der Kirche Predigten hielt und sich fasziniert zeigte von der Begeisterung, welche er bei seinen Zuhörern hervorrufen konnte. Um seine eigene Geschichte aufzuarbeiten, wählte Baldwin die Erzählung einer Familie über mehrere Generationen hinweg. Neben dem Sohn, John Grimes, wird zudem die Geschichte des Vaters, Gabriel, sowie dessen Mutter und dessen Schwester erzählt. Die Scheinheiligkeit Gabriels, welcher in der Kirche predigt, aber zu Hause sein wahres Gesicht zeigt, prägt mehrere Generationen der Familie nachhaltig. Für John, der einen großen Teil seiner Zeit in der Kirche verbringt, bedeutet dies eine Abspaltung von den Menschen um sich herum, die Sicherheit und Freude der anderen Gläubigen wird von ihm nicht geteilt, vielmehr empfindet er Terror und Furcht. Die häusliche Gewalt, welche John zu Hause erlebt, die Geheimnisse der Familie, welche unter der Oberfläche brodeln, all dies trennt ihn von den anderen Kirchgängern.
Obwohl Gabriel im Laufe seines Lebens mehrfach ermahnt wird, dass er zuerst ein gutes Beispiel sein muss, bevor er sich als solches darstellen kann, fällt er immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Für John stehen der gläubige Vater und die Religion auf der gleichen Seite, was es ihm lange Zeit unmöglich macht, zum Glauben zu finden. Der Patriarch der Familie, welcher die Familie von seiner Religion entfernt, während er sie Fremden nahe zu bringen vermag, veranschaulicht, wie stark das öffentliche Bild von der privaten Realität abweichen kann. Obwohl die Handlung weniger komplex und wortgewaltig aufgearbeitet ist als in Baldwins späteren Werken, ist Go Tell It on the Mountain heute noch ein sehr lesenswertes Familiendrama.
Another Country: Trauer und Zorn
Den eigenen Protagonisten gleich zu Beginn sterben zu lassen war ein brillanter, wenn auch ungewöhnlicher Schachzug von Baldwin. Der beruflich und privat gescheiterte Musiker Rufus hinterlässt eine Lücke in seiner Familie und seinem Freundeskreis, welche unmöglich zu füllen scheint. Doch gleichzeitig ist der von Zorn erfüllte Rufus nicht nur ein tragischer Held, sondern auch ein Mann, der seine Freunde mitunter ausnutzt und seiner Partnerin gegenüber gewalttätig wird. Mitunter verschwindet er für Wochen, ohne seine Liebsten über seinen Weggang zu informieren und in seiner Wut und Unzufriedenheit über seine Situation entfernt er sich immer mehr von allen anderen Menschen. An ihm wird die Last spürbar, welche Rufus als Schwarzer Mann in einer Gesellschaft trägt, welche ihn aktiv diskriminiert und ausgrenzt. Schließlich entlädt sich diese Wut auf gewalttätige Weise an seiner Partnerin. Obwohl Rufus sich von der Beziehung zu einer weißen Frau einen besseren Status in der Gesellschaft erhofft hatte, fühlt er sich eigentlich mehr zu Männern hingezogen, was ihn auch auf romantischer Ebene immer mehr in die Enge treibt.
Als sein bester Freund, Vivaldo, und Ida, die Schwester von Rufus, auf den Geisteszustand desselben aufmerksam werden, ist es hingegen bereits zu spät. Die Trauer und die Schuld scheinen den sich entwickelnden Gefühlen zwischen den beiden kaum eine Chance zu lassen. Auch die Verständigungsprobleme zwischen Ida, welche als Schwarze Frau ein gänzlich anderes New York erlebt als Vivaldo, legen den beiden zahlreiche Steine in den Weg. Ida erbt in gewisser Weise den Zorn ihres Bruders auf einen Partner, der ihre Probleme nicht nachvollziehen kann und will. Baldwin selbst äußerte sich in einem späteren Interview über die Wut Idas und beschrieb diese als den Wunsch, andere Menschen für ihr eigenes Leid bezahlen lassen zu wollen. Gerade jene Menschen, die ihr am nächsten stehen, leiden am meisten unter diesem Weltbild. Doch dies sei, laut Baldwin, keine Art zu leben, am Ende könne nur, wie bei Rufus, die eigene Zerstörung stehen.
Dennoch zeigt sich in der aufkeimenden Beziehung der beiden das große erzählerische Talent Baldwins, welcher auf Klischees verzichtet und stattdessen auf vielschichtige, komplexe Handlungsstränge setzt, welche, wie das echte Leben, nicht immer den klaren roten Faden aufweisen, welchen sich die Beteiligten wünschen. Die Fähigkeit Baldwins, den Zorn seines Protagnisten glaubwürdig darzustellen, ohne dessen verwerfliche Taten in den Hintergrund rücken zu lassen, zeigt das feine Gespür des Autors für nuancierte und realitätsnahe Charaktere. Es ist unmöglich, die Hauptcharaktere in Another Country in Sympathieträger und ihre Gegenspieler einzuteilen, sie alle haben menschliche Schwächen und Momente, in denen sie über sich hinauswachsen. Im Verlauf der Geschichte müssen die Hinterbliebenen versuchen, mit dem Verlust selbst und den eigenen Schuldgefühlen zurechtzukommen, während der schnelllebige Alltag in New York weitergeht. Bücher werden geschrieben und Talente für die Bühne entdeckt, aber die gähnende Leere hinter den Kulissen macht deutlich, welches Loch der Verstorbene hinterlassen hat.
Fazit
James Baldwin überschritt mit seinen Werken regelmäßig jene Grenzen, welche ihm laut der Gesellschaft des 20. Jahrhunderts zugestanden haben. Nur widerwillig wurde das Genie des Autors anerkannt. Lange galt es als undenkbar, dass ein Schwarzer Autor über weiße Protagonisten schreiben könnte, bis Baldwin es in Giovanni's Room einfach getan hat. Stets dehnte er die Grenzen des Sagbaren und trug erheblich dazu bei, dass Ausgrenzung und Diskriminierung auch jenen begreifbar wurden, welche nicht unter ihnen leiden mussten. Daher ist es höchste Zeit geworden, sein Werk deutschen Lesern wieder zugänglich zu machen. Um Baldwins einzigartigen Stil hingegen völlig authentisch zu erfahren, seien die englischen Originale weiterhin wärmstens empfohlen.















