Während die meisten Schriftsteller unserer Zeit sich um die Gefühle ihrer Geschöpfe kümmern, um sie besser in Handlungen darzustellen, erkennen viele Leser die Hintergründe davon nicht. Eine ganz normale Reaktion kann die Konsequenz einer Reihe von Konditionierungen sein, deren effektive Wirkung längst zuvor eingesetzt hat. Wir sprechen an dieser Stelle von literarischen Figuren, die aufgrund einer Entpersönlichung durch eine höhere Machtstruktur, zu der sie gehören, eine beeinflusste Entscheidungskraft besitzen. Mit Sicherheit wird dieses Literaturfeld von Autoren nur ganz indirekt behandelt. Es liegt einfach daran, dass der Roman des 19. Jahrhunderts in seinen Grenzen eine solche Analyse nicht zulässt. Die Struktur eines Romans ist grundsätzlich darauf ausgelegt, eine spannende Handlung mit Helden und Schurken zu gewährleisten und keinen tiefen Einblick in die psychologischen Hintergründe der Figuren zu geben. Sie sind im Grunde genommen das Produkt einer Gesellschaft, aber auch das kleinste Teil eines Uhrwerks, dessen Macht unsichtbar ist.
Machtstrukturen: Urquellen der Unüberlegtheit, das Uhrwerk zeigt den Zeitpunkt an
In jeder Gesellschaft gibt es unermessliche Verwaltungsapparate, die Menschen konditionieren, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Jeder bekommt für seinen Beitrag einen Lohn und ist damit zufrieden. Das Problem entsteht, wenn sich das erreichbare Ziel als ein unsichtbarer oder dunkler Zweck entpuppt. Was Hannah Arendt die Banalität des Bösen nennen würde, ist nichts anderes als die Konsequenz der Unüberlegtheit, allerdings in einem anderen Format. Jedes Rad des Uhrwerks soll einfach funktionieren, damit die Uhrzeit angezeigt wird. Wir Menschen werden zu einem Teil dieses Zwecks, agieren nicht bewusst und sind uns überhaupt nicht im Klaren darüber, was wir in Wirklichkeit tun. Viele Aufgaben werden in unserer Gesellschaft unbewusst erfüllt; sie werden reflexartig ohne weitere Überlegung abgearbeitet. Doch wie beeinflusst dieses Phänomen die Psyche einer Person, und inwiefern wird es in der Literatur behandelt? Es gibt in der Literatur keine (überzeugenden) Helden oder Schurken, bei denen wir die Gewissheit haben, dass ihre Persönlichkeiten das Produkt der Maschinerie eines Systems sind und sie aufgrund dessen eine Gefahr für andere in der Romanhandlung darstellen. Wir haben drei Autoren ausgewählt, deren fiktive Welten einer riesigen Machtstruktur ähneln, in der Verbündete, Netzwerke, Hierarchien und Zerstörung ihre Figuren beeinflussen. Das ergibt eine spannende Handlung und das Gefühl, dass Nebenfiguren sich einer unterdrückten Macht nicht bewusst sind.
Die kafkaeske Welt als Ausgangspunkt
Kafkas Roman Der Prozess beinhaltet viele Elemente, die sich in unserer Zeit festgesetzt haben. In damaligen Zeiten gab es mit Sicherheit nicht so viele Problematiken und Gesetze rund um Umweltschutz, Atompolitik oder Migration. Gesellschaften waren einfacher als die heutigen; allerdings war Kafkas Blick in die Zukunft der Bürokratie der Grundstein dieses Romans. In dieser kafkaesken Welt zeigt der Autor eine undurchsichtige Bürokratie, in der es eine Justizgewalt gibt, jedoch keine klaren Gesetze. Josef wird angeklagt, aber das Verfahren läuft ohne erkennbare Logik. Er versucht, das System zu verstehen, und gerät immer tiefer hinein; eine unklare Organisation lässt die Macht unsichtbar erscheinen.
Beamte, Helfer und Richter scheinen nicht an einer zentralen Stelle gebündelt zu sein. Die Fragmentierung der Autorität ergibt eine düstere Perspektive in der Romanhandlung. Gesetze sind vorhanden, allerdings nicht zugänglich, und das System bleibt verborgen. Die Atmosphäre ist zwar formal korrekt, aber zugleich absurd und aussichtslos für die Hauptfigur. Auch wenn er sich an Regeln hält, schwankt er zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
Diese klaren Elemente eines Justizapparats scheinen in der Geschichte geschlossen zu sein, als ob die verborgene Rechtsstaatlichkeit anderen Interessen dienen würde. Der Vergleich mit der realen Welt ist in diesem Fall zugespitzt; was Kafka jedoch vermitteln wollte, ist der Zustand des Subjekts (wir).
Atwoodsche Handlung und die Kraft ihrer Figuren
Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood lässt uns in ihrem Roman Die Zeuginnen in die Welt von Tante Lydia hineinblicken. Die Handlung des Romans basiert auf einem totalitären Staat namens Gilead, in dem sie ein Teil des Systems ist. Jedoch erkennt sie früh, dass die Bevölkerung unter massiver und brutaler Unterdrückung leidet. Der Roman entfaltet eine doppelte Perspektive von Lydia, denn sie sieht ihren privilegierten Status als Schlüssel, um gegen den Staat zu konspirieren. Die Entwicklung der Figur entspricht jedoch nicht vollständig der zuvor aufgestellten These. Im Gegenteil: Sie erkennt, was ein Machtapparat mit Menschen machen kann, bleibt aber aufgrund ihres eigenen Überlebens Teil dieses Systems.
Aber wie kann man so etwas tun, vor allem wenn ein totalitäres Regime Augen und Ohren überall hat? Die atwoodsche Welt ist von Figuren bevölkert, die mit einem dauerhaften Widerspruch umgehen können. Lydia stabilisiert ein System der Unterdrückung und arbeitet gleichzeitig an dessen Zerstörung, denn sie ist überzeugt, dass sie aus ihrer inneren Positionierung Handlungsspielräume gewinnen kann. Dafür sammelt sie Geheimnisse, Schwächen und Vergehen; ihr Wissen wird zu ihrer Waffe. Ihr Handeln ist in der Romanhandlung nach außen loyal, nach innen jedoch auf ein einziges Ziel ausgerichtet: die Unterwanderung des Systems. Lydia arbeitet nicht mit klassischen Verbündeten, sondern mit einem Netzwerk von Mitspielerinnen, die nicht genau wissen, dass sie Teil eines Plans sind. Die „Tanten“ sind Frauen in Machtpositionen innerhalb Gileads. Sie bildet mit ihnen eine ideologische und disziplinarische Elite, in der sie zugleich überwacht und manipuliert. Agnes ist Mitglied ihres Netzwerks; sie wächst innerhalb Gileads auf und wird von Lydia beeinflusst. Auch Daisy und Nicole gehören zu diesem Netzwerk, mit dem Unterschied, dass sie außerhalb des Landes leben und später Teil der Handlung gegen das System werden.
Die Manipulationsstrategie ist an Positionen, Rollen und Abhängigkeiten gebunden. Lydias größte Stärke ist es, Menschen zu nutzen, ohne sich auf sie verlassen zu müssen. Wächter, Beamte und Funktionsträger liefern ihr Informationen oder führen Maßnahmen aus, die ihren Zwecken dienen.
Gilead ist ein totalitärer Staat, stark kontrolliert, mit religiös legitimierten Machtstrukturen und permanenter Überwachung. Der institutionelle Raum, in dem die Hauptfigur Lydia interagiert, besteht aus Archiven, Verwaltungsräumen und Orten, an denen Informationen gesammelt und gesichert werden. Margaret Atwood liefert ein klares Beispiel für eine Figur, die zwar vom System entpersönlicht wurde, aber gleichzeitig Wege sucht, sich davon zu befreien. Die Hauptfigur Lydia ist von der Autorin so gestaltet, dass sie unter Bedingungen wie Angst und Wachsamkeit leben muss. Sie besitzt ein starkes psychologisches Profil, strategisches Denken und Selbstkontrolle sowie genügend Mittel, um das System potenziell zu stürzen.
Die paradoxen Verhältnisse von Kathy H. und Ishiguros Botschaft
Eine völlig andere Charakterisierung entwirft der japanische Autor Kazuo Ishiguro mit seiner Figur Kathy H. im Roman Never Let Me Go. Kathy wächst in einer Internatseinrichtung auf. Dort steht sie in einem paradoxen Verhältnis zur Gesellschaft: Sie ist Teil davon, besitzt jedoch keine eigenständige gesellschaftliche Stellung. Im Internat funktioniert die Kontrolle eher subtil als offen gewaltsam. Durch die Erziehung, die sie dort erhält, wird sie nicht nur kontrolliert, sondern auch konditioniert und dazu gebracht, die Interessen Dritter zu vertreten. Ishiguros Botschaft wird in diesem Roman deutlich: Die Hauptfigur lebt in einem System, dessen Macht sich im Verlauf der Handlung entfaltet und sich als System zur Organentnahme erweist. Kathy erkennt ihre Situation, reagiert jedoch mit Akzeptanz statt Rebellion. Sie ist ruhig, beobachtend und passt sich Erwartungen an.
Ihr Leben erhält Bedeutung durch ihre Beziehungen zu Tommy und Ruth. Die Tragik dieses Werkes liegt nicht im Leiden selbst, sondern darin, dass sie ihre Situation erkennt, aber keine Verteidigungsmechanismen entwickelt. Sie ist nicht fähig, eine eigene Handlungsform oder Widerstand zu entfalten. Im Gegenteil: Sie verkörpert eine integrierte Ordnung innerhalb eines Systems, das keinen offenen Zwang mehr benötigt. Das Muster dieses Systems lässt sich als Verhältnis von Macht und Subjekt beschreiben: Die Macht regiert, und das Subjekt gehorcht. Ishiguro deutet an, dass ein System keine Gewalt mehr benötigt, wenn das Subjekt aufhört zu reflektieren und sich vollständig anpasst.
Schlussworte
Lydia von Margaret Atwood und Kathy von Kazuo Ishiguro sind zwei gegensätzliche Figuren, die in einer ähnlichen repressiven Situation leben: unter einer strikt autoritären Macht. Der Alltag macht aus Lydia eine strategische Akteurin, die ein ungewöhnliches Vorhaben verfolgt; die Zerstörung eines ganzen Systems. Sie arbeitet bewusst, plant langfristig und nutzt Menschen als Mittel. Kathy hingegen verfügt über eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung, ähnlich wie Josef K. in Der Prozess. Sie legt jedoch mehr Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen und den Alltag, ohne zu erkennen, dass ihre Akzeptanz die Machtstrukturen stabilisiert.
Das Muster eines undurchsichtigen Systems lässt sich auch auf moderne Staatsapparate übertragen. In Zeiten, in denen viele Gesetze schwer verständlich sind oder als ungerecht empfunden werden, erscheinen Handlungsspielräume oft unklar. Gleichzeitig sind diese Gesetze häufig das Ergebnis historischer Entwicklungen oder gesellschaftlicher Prozesse, die sich nicht sofort erschließen. Die Verfahren eines Staatsapparats können daher in ihrer Wirkung an eine kafkaeske oder atwoodsche Welt erinnern mit dem entscheidenden Unterschied, dass reale Macht sichtbar und überprüfbar ist. Dennoch kann bürokratische Komplexität die Orientierung der Menschen so stark übersteigen, dass die Realität selbst mitunter wie Fiktion erscheint.















