Mediale Vielfalt und inhaltliche Verzerrung bilden den zentralen Raum der künstlerischen Praxis von Mio Zając. Der Kölner Konzeptkünstler greift gesellschaftskritische und existenzielle Diskurse auf und überführt sie in Bilder, die auf den ersten Blick stimmig erscheinen, zugleich jedoch eine irritierende Absurdität in sich tragen. Provokation steht im Mittelpunkt und wird zum Instrument vielschichtiger Wahrnehmungsprozesse: Der zweite, dritte oder vierte Blick wird zur Voraussetzung des vermeintlichen Verstehens. Bildstörende Elemente verweisen dabei auf das fragile Verhältnis von Virtualität und Wirklichkeit, dessen durchlässige Grenzen das Sehvermögen beeinflussen.
Zającs Werke verhandeln auf zwei Etagen die Macht von Bildern und stellen die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Sichtbaren: Entspricht das Wahrgenommene dem, was tatsächlich gegeben ist? Zwischen den Bildern zu lesen, Codes zu entschlüsseln und das Dargestellte kritisch zu hinterfragen, wird zum zentralen Prinzip. Emoji-basierte Verzerrungen und eine malerische Pixeltechnik spielen gezielt mit der Wahrnehmung der Betrachter*innen. Die Emojis, Sinnbilder des digitalen Zeitalters, funktionieren in ihrer massenhaften Anordnung losgelöst von einzelnen Emotionen und fügen sich zu neuen oder vermeintlich vertrauten, ‚alten’ Bildern, deren Bedeutung wir zu kennen glauben. Humorvolle Elemente durchbrechen dabei die Schwere sozialer Themen und schaffen Momente des Innehaltens.
In zinnoberrotes Licht getaucht, erhalten die Arbeiten eine fast sakrale Aura, während Zając mit der Doppeldeutigkeit des Zinnobers spielt: leuchtend rot und zugleich Symbol für Wertloses oder Übertriebenes. Licht und Farbe, Format und Material tragen auf einer weiteren Dimension zu einer ambivalenten Wahrnehmung bei. Der Künstler steigert zudem den Grad der Ironie, indem er Objekten ihren gewohnten Inhalt abspricht. In einer mit königsblauem Samt ausgekleideten Box erfährt ein Gullydeckel aus dem öffentlichen Raum eine gezielte Glorifizierung. Als Banalität, die im Alltag übersehen und übertreten wird, wird er in Gloria durch das bewusste Platzieren widersprüchlicher Attribute zum Mittel einer elementaren Bedeutungsverschiebung. Profane Motive treffen dabei auf sakrale oder kunsthistorische Referenzen.
Altmeisterliche Bezüge zu Caravaggio lassen sich insbesondere in der Licht- und Schattenführung herstellen. Das gezielte Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten dient der Inszenierung und lenkt den Blick der Betrachterinnen, ohne ihn dabei festzulegen. Bestehende Strukturen werden aufgebrochen, transformierte Motive der klassischen Kunstgeschichte eröffnen immer wieder neue Narrationen. Als sogenannte *Schutzbilder sprechen die von blauem Schaumstoff umhüllten Großformate zunächst von der Qualität ihrer Inhalte, barocke Motive, die als besonders schützenswert erscheinen. Wie ein orangeroter Filter legt sich das Licht über die Arbeiten und die verdeckten Rahmen, zweifelt ihren high-quality Charakter an. Der teils verpackte Zustand versetzt die Bilder in einen Schwebezustand: Sind sie noch nicht ausgepackt oder bereits wieder eingehüllt?
Auch in der transformierten Fotografie eines geöffneten Buches in Lesen bildet wird Ironie aufgegriffen. Das Bild nimmt das gleichnamige Sprichwort auf und unterläuft dessen trügerische Eindeutigkeit. Wer liest was und wie werden Rollen innerhalb gesellschaftlicher Wissensproduktion verteilt? Durch die visuelle Irritation eröffnen sich Perspektiven, in denen Wissen und Zuschreibungen neu verhandelt werden. In Kontrast zum Analogen wird das Scrollen im Netz zum Sinnbild der digitalen Informationsflut und ihrer Schnelllebigkeit. In der Serie wisch und weg werden mit ausgewählten Bildschirmaufnahmen auf Toilettenpapier Inhalte als flüchtige Erscheinungen sichtbar, deren Bedeutungen im Moment des Weiter-wischens bereits erlöschen. In rustikalen Eichenrahmen gefasst, treten sie aus der Wand hervor und entziehen sich im gleichen Moment jeder Möglichkeit des Ausweichens.
Einen atmosphärisch leuchtenden Altarraum betretend, erschließt sich im Untergeschoss eine raumgreifende Installation. Zając greift hier auf seine Abschlussarbeit der Kunstakademie Düsseldorf 2024 zurück. Nur ein nagel hat so etwas gern zeigt Charlie Chaplin als Der große diktator, wie sich dieser satirische Charakter kraftvoll in die Höhe erhebt. Ein Altarkissen lädt in überspitzer Haltung zur Andacht ein. Mitsamt leuchtenden Akzenten wird dem verpixelten Chaplin ein ritueller Charakter verliehen, der durch dröhnende Geräusche der Soundbox jedoch wieder durchbrochen wird. Hinterfragt wird sowohl die Wahrnehmung als auch die Deutung von Macht, Autorität und medialer Darstellung mit Blick auf Made in Germany in der heutigen Zeit.
In dieser Ausstellung nähert sich der Künstler der Gretchenfrage nach dem Zweck der Kunst und danach, für wen sie geschaffen wird. Ist nicht für mich ist für ma wird zum Ausdruck einer Haltung, die Kunst als offenen Prozess versteht, dessen Bedeutung sich im Zusammenspiel von Wahrnehmung, Erkenntnis und kritischer Befragung immer wieder neu begründet.
(Text von Sena-Marie Cirit)
















