Die Blumen des Bösen dürften wohl vielen Liebhabern von Poesie ein Begriff sein. Der Autor der Gedichtsammlung, Charles Baudelaire, war bekannt dafür, die Grenzen des öffentlich sagbaren mehr als nur zu überspannen, für seine Gedichte wurde er sogar wegen Verletzung der öffentlichen Moral angeklagt und verurteilt. Trotz seines strittigen Rufs und zahlreicher öffentlicher wie privater Skandale vermochte es der Pariser Dichter, die französische Öffentlichkeit zu beeinflussen und begeistert noch heute Forscher und Liebhaber der Dichtkunst. In diesem Beitrag werden seine skandalträchtigen Dichtungen ausgeklammert und stattdessen drei Gedichte betrachtet, welche ein weniger glanzvolles Bild auf das Dasein als Dichter werfen – verfasst von einem, der dies am eigenen Leib erfahren musste.

Baudelaire: Leben und Werk

Charles Baudelaire wurde 1821 in Paris geboren und war ein vielseitiger Künstler, dessen Werk eigene Gedichte, Kunstkritiken und Übersetzungen beinhaltete. Schon zu Lebzeiten war er der breiten Öffentlichkeit ein Begriff und seine Bekanntheit stieg nach seinem Tod rasant an. Heute zählt er zu den am besten erforschten Dichtern der französischen Sprache. Baudelaire war fasziniert von der Sprache und den Möglichkeiten, die sich durch ihre Umformung und Lenkung ergaben. Er gilt als Sprachgenie, welches durch seine Visionen und Innovationen den damaligen Zeitgeist prägte. Sein Leben und Werk blieben dabei eng miteinander verflochten und werden daher in der Forschung häufig gemeinsam analysiert.

Baudelaire durchlebte sowohl stilistisch als auch politisch turbulente Zeiten, neben Romantik und Realismus erlebte er auch die Revolution von 1848 und die damit einhergehenden Veränderungen in der Stadt Paris. Doch nicht nur die politische Lage beeinflusste sein Leben stark. Baudelaire litt unter dem engen moralischen Korsett seiner Zeit und kämpfte Zeit seines Lebens mehrmals gegen Geschlechtskrankheiten und seine Drogen- und Alkoholsucht. Zudem versuchte er sich am exklusiven und hochpreisigen Lebensstil des städtischen Dandys, geriet nach dem Verprassen seines Erbes jedoch in finanzielle Schwierigkeiten, von welchen er sich nie wieder völlig erholte. Dennoch wurden seine Übersetzungen in der Öffentlichkeit gefeiert, so brachte er beispielsweise den amerikanischen Schriftsteller Edgar Allen Poe dem französischen Publikum nahe. 1867 verstarb Baudelaire im Alter von nur 46 Jahren verarmt und krank und wurde auf dem berühmten Friedhof Montparnasse beigesetzt.

Der Albatros

Der Albatros (französisch: L´Albatros) stammt aus dem Werk Spleen et Idéal und wurde bereits 1841 verfasst. Das Gedicht besteht aus vier Alexandrinern, einem sechshebigen jambischen Reimvers, und ist darüber hinaus als Kreuzreim verfasst (hier reimt sich die erste Zeile mit der dritten, die zweite Zeile mit der vierten, usw.) Thematisiert wird der Albatros, ein vom Aussterben bedrohter, großer Flugvogel. Baudelaire beschreibt die Albatrosse als mächtige Meervögel, welche den Schiffen auf hoher See folgen, trotz der beständigen Gefahr, von den Seeleuten eingefangen zu werden. Hoch in der Luft sind die Albatrosse schön und stark, doch einmal auf dem Boden gefangen, verwandeln sie sich in linkische und lächerliche Wesen, die großen Flügel, die ihnen beim Flug helfen, verwandeln sich auf dem Boden in ein Hindernis. In dieser traurigen, eingefangenen Gestalt sah Baudelaire den Dichter.

Er deutet die Ähnlichkeit der Flügel mit der Begabung des Dichters an, welche ihn zwar hoch fliegen lässt, ihn am Boden der Tatsachen hingegen behindert. Wie der Albatros lebt auch der Dichter in ständiger Bedrohung, während der Albatros von den Seeleuten eingefangen und lächerlich gemacht wird, droht dem Dichter bei jeder Veröffentlichung der Hohn und Spott seiner Kritiker.

Als Fürst der Wolken ist der Albatros dem Weltlichen fast ganz entrückt und Baudelaire sieht in dieser Entrücktheit auch den Dichter, welcher sich dank seiner Begabung über alles Weltliche erheben kann. Dennoch droht beiden im Zweifelsfall ein ähnliches Schicksal, denn aus ihrem Element gerissen, werden sie der Lächerlichkeit preisgegeben. Das Gedicht gibt Aufschluss darüber, wie Baudelaire als Künstler auf die Kritik an seinem Werk reagiert hat und was diese ihn fühlen ließ. Der Betrachtung des tollpatschig an Bord des Schiffes herumstolpernden stolzen Flugvogels können sich auch heutige Leser nur schwer entziehen, zu nachfühlbar sind Ernüchterung und Scheitern.

Verlust der Aureole

Das Gedicht „Verlust der Aureole“ (französisch: Perte d’auréole) ist ein stilistisch höchst interessantes Prosagedicht, welches im Dialog verfasst ist. Es entstammt aus dem Werk Le Spleen de Paris/Petits Poèms en Prose, welches 1869 erschienen ist, also erst nach dem Tod des Verfassers. Das Gedicht behandelt die Unterhaltung zweier Männer, welche über den Verlust der Aureole in einem Lokal mit schlechtem Ruf diskutieren. Über die genaue Beziehung der beiden Männer erfahren die Leser nichts, jedoch ist der Umgang der beiden miteinander sehr vertraut. Einer der beiden berichtet davon, wie ihm beim Überqueren eines Boulevards seine Aureole in den Schlamm gefallen sei, und wie er sich dazu entschied, diese lieber im Schlamm liegen zu lassen, als sich im Chaos der Straße zu verletzen.

Der Gedanke, jemand anderes könnte sie finden und sich mit ihr schmücken ruft bei dem Sprecher eher Erheiterung als Besorgnis oder Ärger hervor. Das Wort Aureole, welches heute im alltäglichen Sprachgebrauch eher weniger Anwendung findet, meint einen Heiligenschein. Dieser wird im Prosagedicht auf einen Gegenstand reduziert, den man ebenso verlieren kann wie einen Hut oder einen Handschuh. Die Verwendung von ironischen Untertönen und Bemerkungen sprechen dem Verlust des Heiligen im Alltag zudem jedwede Bedeutung und Dramatik ab.

Der Verlust des Heiligen und eigentlich Unersetzbaren wird so auf eine amüsante Anekdote reduziert, welche in einer Bar erzählt wird. Das Symbol des göttlich Auserwählten bleibt im Schlamm liegen und ihr ehemaliger Besitzer wird wieder auf sein rein menschliches Wesen reduziert. Es ist anzunehmen, dass sich Baudelaire mit diesem erneut menschlich gewordenen Sprecher identifiziert hat und hierdurch einen düsteren Kommentar zum Verlust des Ruhmes und Talents abgeben wollte, welcher jeden Künstler ereilen kann. Diese Bitterkeit kann auch die ironische Sprache und Inszenierung der Szene nicht völlig überdecken.

Der alte Gaukler

Der alte Gaukler (französisch: Le vieux Saltimbanque) setzt einen anderen Schwerpunkt und stellt nicht mehr das künstlerische Schaffen mit all seinen Tücken und Gefahren dar, sondern illustriert vielmehr den Künstler als Gestalt am Rand der Gesellschaft. In dem 1869 veröffentlichten Prosagedicht (ebenfalls veröffentlicht in Le Spleen de Paris/Petits Poèms en Prose) sieht Baudelaire den Künstler nicht mehr als Fürst der Wolken oder als Possenreißer in einem Lokal, sondern als alternde Gestalt, die am Rande der Gesellschaft steht. Verwahrlost und unnahbar wird der alte Gaukler schließlich vom Ich-Erzähler des Gedichts am Rande des bunten Jahrmarkttreibens bemerkt. Im harten, schmerzhaften Kontrast stehen die Freude der Besucher und der Glanz der Buden verglichen mit der einsamen Gestalt. Das lyrische Ich reflektiert die Ereignisse auf dem Jahrmarkt beinahe anekdotisch und scheint eher als Beobachter zu fungieren.

Erst in der sechsten Strophe schweift der Blick des erzählenden Flaneurs zum Rande des Jahrmarktes, wo er einen armen alten Mann erblickt, welcher auf einer ärmlichen Behelfsunterkunft lehnt. Während der restliche Jahrmarkt hell erleuchtet ist, müssen dem alten Gaukler zwei schwache rauchende Kerzen als Beleuchtung genügen. Die Lethargie und Passivität des alten Mannes scheinen das lyrische Ich zu erzürnen.

Einzig die Blicke des alten Gauklers sind noch auf seinen alten Arbeitsplatz gerichtet, wo er inzwischen nicht mehr gebraucht wird. Da er sich in sein Schicksal ergeben hat, zeigt sich in seiner Gestalt weder Wut noch Wahnsinn. Erst in der letzten Strophe enthüllt Baudelaire, was es mit dem alten Gaukler auf sich hat: Einst hatte es sich auch bei ihm um einen Dichter gehandelt, welcher vergangene Generationen blendend unterhalten hat, bis sich die undankbare Öffentlichkeit von ihm abgewandt und ihn in seine missliche Lage gebracht hatte. Der Dank für ein Leben der künstlerischen Unterhaltung ist die bittere Armut und nahezu Obdachlosigkeit und eine Existenz am Rande der Gesellschaft, wo der alte Gaukler zwar gesehen wird, aber ihm jede erneute Interaktion mit der strahlenden Öffentlichkeit unmöglich gemacht wird. Insofern ist das Gedicht eine bittere Abrechnung mit der Flüchtigkeit der öffentlichen Anerkennung.

Was von der Vergänglichkeit übrig bleibt

Obwohl Baudelaire sich im Laufe seines Lebens einen Ruf als Unruhestifter und Dichter gegen die menschliche Moral erarbeitet hatte, setzte sich sein Werk auch mit den klassischen dichterischen Thematiken wie der Vergänglichkeit und dem tieferen Sinn des Daseins als Künstler auseinander. In diesem Beitrag wurden drei Gedichte auf die düsteren Aspekte des künstlerischen Schaffens hin untersucht und wie Baudelaire selbst dieses empfunden hatte. Seine Gedichte zeigen auf, wie schnell man im Leben den Halt verlieren kann und wie schnell man sich als Dichter der Lächerlichkeit preisgeben kann. Auch die künstlerische Begabung sieht Baudelaire keinesfalls als permanent an, was einen heute auszeichnet, kann einem schon morgen verloren gehen. Besonders deutlich wird dies in der Geschichte des alten Gauklers, der sich immer noch nahe des Jahrmarktes aufhält. Er macht auf schmerzhafte Weise deutlich, welcher Dank zu erwarten ist, wenn die einem zugeschriebene Rolle nicht mehr ausgefüllt werden kann. Die fehlende Anerkennung am Ende eines langen und harten Arbeitslebens trifft die Leser, weil niemand garantieren kann, dass uns ein solches Schicksal erspart bleiben wird.