Embrace. Ich habe es leise gedacht, vielleicht sogar unbewusst, als ich die Halle des Hamburger Bahnhofs betrat. Dieses Wort ist in mir hängen geblieben, lange bevor ich verstand, warum. Hosnedlovás Ausstellung wirkt nicht wie ein Ort, den man betritt, sondern wie ein Zustand, der einen aufnimmt. Eine Zwischenwelt, in der Vergangenheit und Zukunft nebeneinander atmen, ohne sich erklären zu müssen. Es ist eine Ausstellung über Heimat, ja. Aber nicht im sentimentalen Sinn. Klara Hosnedlová spricht von Heimat wie von einer Spannung, etwas, das nur existiert, weil man sich gleichzeitig nach einem Gegenpol sehnt. Utopie ist hier kein Versprechen, sondern ein Echo.
Mit einer fast monumentalen Stille wird man von der Installation empfangen. Vor mir hängen bis zu neun Meter hohe, gewebte Bildteppiche. Ihre Oberflächen wirken, als hätten sie all die Geschichten aufgesogen, die in alten Mauern stecken. Die Muster sind nicht bloß Verzierung, sondern tragen Spuren vergangener Erinnerungen, die lange im Dunkeln lagen. Die Teppiche wirken wie vertraute Fremde. Ikonen eines Landes, das ich nicht kenne, aber intuitiv verstehe. Möglicherweise, weil Heimat weniger mit Geographie zu tun hat als mit der Art, wie ein Material im Licht steht.
Die Schatten bewegten sich wie Erinnerungen, die ihre Richtung ändern. Ich dachte an politische Systeme, an Regionen, die gleichzeitig festgehalten und fallen gelassen wurden. Und daran, wie man in solchen Räumen existiert. Immer im Dazwischen, immer in einer Sprache, die erst entsteht, wenn man sie spricht. Die Pfützen auf den Betonplatten ließen mich an die merkwürdige Verletzlichkeit urbaner Räume denken. Dass selbst das Härteste Wasser sammelt. Dass selbst Konstruktion atmet. Ergänzt wird diese räumliche Erfahrung durch skulpturale Formen, die wie Fundstücke aus einer anderen Zeit wirken. In ihren Oberflächen sind Öffnungen eingelassen, glatt, spiegelnd und fast organisch. In ihnen erscheinen fragmentierte Körper, die verschiedene Handarbeiten aus vergangener Zeit zeigen.
Der menschliche Körper wird hier nicht dargestellt, sondern als Teil der Struktur eingeschrieben. Es ist, als würde der Raum den Menschen nicht nur umgeben, sondern ihn aufnehmen, zerteilen und bewahren. Heimat erscheint plötzlich nicht mehr als Ort, sondern als etwas Körperliches, das sich in uns ablagert, uns formt und zugleich verletzt. In manchen Momenten fühlte ich mich geborgen, fast getragen. In anderen spüre ich die Distanz. Wie eine klare, ehrliche Fremdheit eines Raumes, der nicht für mich gebaut wurde, mich aber trotzdem hält.
Vielleicht ist das der eigentliche Zauber dieser Installation. Sie spiegelt nicht das, was man erwartet, sondern das, was man verdrängt hat. Hosnedlovás Arbeit trifft einen Nerv unserer Gegenwart, ohne es laut auszusprechen. Wir leben in einer Zeit, in der das Wort Heimat entweder verklärt oder verhärtet wird. Utopien klingen oft wie Kampagnen im Marketing und Zukunft wird erst greifbar, wenn sie als Warnung formuliert ist.
Embrace stellt diese Mechanismen still und zeigt etwas Überraschendes. Und zwar, dass Heimat und Utopie keine Gegensätze sind, sondern zwei Bewegungen innerhalb desselben Körpers. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sind alle verstrickt und alles porös. Die Materialien in der Installation wirken wie politische Aussagen, ohne Botschaften zu formulieren. Flachs und Hanf als Erinnerung an Handwerk und Arbeiterinnen, Beton als Symbol moderner Infrastruktur, Pfützen als leise Rebellion gegen Härte. Es ist ein System aus Gegensätzen, das nicht aufgelöst werden will.
Unsere Gesellschaft versucht oft, vergangene Narrative zu glätten und zukünftige zu beschleunigen. Hosnedlová hingegen verlangsamt. Sie zeigt, wie verletzliche Räume werden, wenn man ihnen zuhört. Wie viel Geschichte in einer Oberfläche steckt und wie sehr die Zukunft davon abhängt, ob wir lernen, nicht nur vorwärts, sondern auch in Schichten zu denken.
Man spürt in dieser Installation etwas, das über Ästhetik hinausgeht: die Ahnung, dass wir uns gerade kollektiv in einer Übergangszeit befinden. Zwischen politischer Unsicherheit, räumlicher Neuordnung, technologischer Überwältigung. Und dass Kunst manchmal der einzige Ort ist, an dem diese Auflösung nicht bedrohlich wirkt, sondern notwendig.
Als ich die Halle verließ, blieb ein Gefühl zurück, das schwer greifbar ist: eine Art inneres Nachschwingen, als hätte die Installation Räume in mir markiert, die ich zuvor nicht kannte. Zurück bleibt eine stille Erkenntnis über unsere Gegenwart, eine Zeit, in der wir leben, die ständig zwischen Erhalt und Erneuerung schwankt. Zwischen politischer Müdigkeit und futuristischer Überhitzung. Zwischen dem Wunsch nach Stabilität und dem Drang, sich neu zu erfinden. Hosnedlovás Installation antwortet darauf nicht mit Lösungen, sondern mit einer Haltung. Der Bereitschaft, die Schichten der Welt wieder ernst zu nehmen. In einer Zukunft, die von Geschwindigkeit dominiert ist, könnte genau das radikal sein. Ein langsamer Blick, der erkennt, wie viel Bedeutung in Materialien, in Räumen, in kollektiven Erinnerungen steckt. Vielleicht beginnt Veränderung nicht mit dem Entwurf neuer Utopien, sondern mit der Fähigkeit, die bestehenden endlich zu lesen.
Was mich besonders beschäftigt hat, war die Frage, wie wir selbst in solchen Räumen positioniert sind. Sind wir Beobachtende? Teil der Struktur? Oder nur Durchreisende in einer Zeit, die sich permanent selbst beschleunigt?
Hosnedlovás Installation zwingt einen, sich dieser Fragen zu stellen. Man bewegt sich nicht einfach durch einen Ausstellungsraum. Man bewegt sich durch eine Art Gedächtnislandschaft, in der die Materialien als Stellvertreter fungieren: für Arbeit, Migration, Zerfall, Wiederaufbau, Verlust und Nähe.
Es ist fast so, als führe sie uns vor, wie sehr wir gelernt haben, Räume funktional zu behandeln und wie wenig wir sie noch lesen können. Beton ist für uns Stadt. Fäden sind Dekoration. Schatten sind Nebeneffekte. Hier sind sie Träger von Bedeutung.
Etwas anderes wurde mir auch bewusst: dass Heimat oft erst dann sichtbar wird, wenn sie brüchig wird. Wenn sie in Frage gestellt wird. Wenn sie sich verändert. Hosnedlová zeigt eine Form von Heimat, die nicht abgeschlossen ist, sondern in Bewegung bleibt. Etwas, das entsteht, verliert und sich neu zusammensetzt. So wie die Fäden in ihren Textilien Spuren von etwas tragen, das nicht mehr ganz da ist, aber trotzdem ihre eigene Wirkung hat.
Ich fragte mich, ob Räume überhaupt neutral sein können oder ob jeder Raum, egal wie minimalistisch, eine ideologische Spur trägt. Vielleicht ist das der Grund, warum mich die Ausstellung so tief getroffen hat. Sie ist weder kalt noch sentimental. Eher wie eine Art Angebot, Verantwortung zu übernehmen. Für die Art, wie wir Räume lesen und weitertragen.
Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass diese Kunst mich nicht nur ästhetisch berührt, sondern auch politisch, auch ohne jegliche politische Sprache. Klara zeigt, dass die Zukunft nicht losgelöst von Erinnerung gedacht werden kann und Utopien nicht futuristisch sein müssen, sondern in den Materialien selbst liegen. Was nehmen wir eigentlich aus Räumen mit, die uns formen, und was davon lassen wir zurück? Wenn Heimat und Utopien in uns beiden wohnen, wer entscheidet dann, welche von ihnen wir gerade brauchen?
Vielleicht beantwortet Embrace diese Fragen nicht und vielleicht muss sie das auch nicht.















